Youngstown

Besuch in Youngstown/Ohio Verfallen und von der Politik enttäuscht

Stand: 12.10.2016 11:22 Uhr

Youngstown im wichtigen Swing State Ohio ist berühmt - um die Stadt geht es in einem Springsteen-Song. Doch Youngstown ist inzwischen auch eine Stadt im hoffnungslosen Niedergang. Darum werden die Bewohner dieses Mal wohl Trump wählen.

Von Ina Ruck, ARD-Studio Washington

Youngstown in Ohio hat schon bessere Zeiten gesehen. Aber die sind so lange her, dass Bruce Springsteen der Stadt schon vor 20 Jahren einen Song gewidmet hat. Eine wunderschöne, traurige Ballade über den Niedergang einer stolzen Stahlarbeiterstadt, die genau so heißt wie diese: "Youngstown". Sie ist der Soundtrack zur Stadt, bis heute.

Man muss nur mit dem Song im Ohr durch die heruntergekommenen Straßen in der South Side fahren, wo nur noch jedes fünfte Haus bewohnt ist und selbst diese Häuser aussehen als wären sie längst verlassen. Oder vorbei an Gerippen ehemaliger Fabriken, leeren Ladenzeilen, über kaputten Asphalt.

Seit Springsteens Song ist es weiter den Bach heruntergegangen mit Youngstown: ein riesiges Drogenproblem, eine der höchsten Kriminalitätsraten des Landes, noch 67.000 Einwohner von einst stolzen 200.000. Und doch fängt die Stadt einen ein mit ihrem schroffen Charme. Oder geht mir das nur so, weil sie mich ans Ruhrgebiet erinnert? Weil die Leute hier so rau und so geradeheraus sind wie die in meiner Heimat?

"Ihr macht euch lustig über 'white trash', der Trump wählt", sagt Tim. Er war früher in Polizist in Youngstown, arbeitet jetzt als Wachmann, weil die Rente nicht reicht. "Ich wähle ihn, obwohl ich Demokrat bin. Er ist vielleicht verrückt, aber ein guter Geschäftsmann. So einen brauchen wir. Und er gehört nicht der Kaste in Washington an. Ich spiele das Spiel nicht mehr mit."

Youngstown
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Heute wohnen in Youngstown nicht mal mehr 70.000 Menschen - früher waren es 200.000.

Immer eine Hochburg der Demokraten

Youngstown hat seit ewigen Zeiten demokratisch gewählt - da waren die Stahlarbeiter, die Bergleute, starke Gewerkschaften. Diesmal wollen sie nicht mehr mitspielen. "Die Demokraten-Politiker laufen immer vor den Wahlen einmal durch Youngstown, küssen ein paar Babys und schütteln ein paar Hände - aber hier ändert sich nichts", sagt Kenny, der einen Schrotthandel in einem der ärmsten Viertel der Stadt aufgezogen hat. In Youngstown hat Donald Trump mindestens so viele Fans wie Springsteen. Deswegen sind wir hingefahren - ein Versuch, zu verstehen.

Ohio ist ein besonderer Staat, seit 60 Jahren hat es nie ein Präsident ins Weiße Haus geschafft, der nicht auch in Ohio gewonnen hätte: "As Ohio goes, so goes the Nation". Mit seinen Industrieregionen, seinen Großstädten und dem vielen Farmland ist es ein klassischer Swing State - mal demokratisch, mal republikanisch.

Die letzten beiden Male hat Ohio Barack Obama gewählt - diesmal könnte es an Trump gehen. "Crossover" ist das Wort der Saison: tausende Demokraten wechseln ins Republikanerlager. Wegen Trump. Ich höre überall dieselben Begründungen - vorgetragen, als seien sie Gewissheiten: Weil er die Jobs zurückbringt, weil er Amerika an die erste Stelle setzt. Und weil er kein Politiker ist.

Kenny Greco singt den Springsteen-Song "Youngstown"
12.10.2016, Ina Ruck, ARD Washington

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Den Springsteen-Song habe ich hier gleich am ersten Tag gehört. Im Metallschrott-Handel von Kenny Greco. Der ist im Hauptberuf Musiker, singt mitten in seiner Lagerhalle zur Gitarre. Wunderschön. Er hat "Youngstown" für seine CD im Studio aufgenommen, mit Genehmigung von Springsteens Büro. "Ich habe denen geschrieben: Hey, ich bin ein Kid aus Youngstown, ich verehre Bruce, lasst mich den Song einspielen. Und sie haben es mir erlaubt. Ich glaube, ich bin der Einzige. Das Antwortschreiben habe ich mir eingerahmt."

Kenny hat "South Side Recycling" auf dem Gelände eines alten Stanzwerks aufgezogen. Fünf Angestellte, ein kleiner Hoffnungsfunken im heruntergekommenen Viertel. Der Laden zahlt gutes Geld für Metall- und Elektronikschrott. Ständig kommt jemand vorbei - manche bringen einen Kofferraum voller kaputter Haushaltsgeräte, und ein alter schwarzer Mann zieht einen Fahrradanhänger aufs Gelände, in dem er Metalldosen und Schrott von den Hinterhöfen gesammelt hat. Elf Dollar gibt es dafür, okay für einen Vormittag Sammeln, findet er.

Hoffnungen in Obama gesetzt

"Das sind gute Leute hier", sagt Kenny. "Sie haben vergessen, wie es ist, eigenes Geld mit ihrer Hände Arbeit zu verdienen". Youngstown habe Hoffnungen gesetzt in Obama, sagt er. Der sei damals hier gewesen, habe Jobs versprochen und Aufschwung. Und dann hätten sie acht Jahre lang nichts mehr gehört. Obama sei nicht anders gewesen als die anderen Politiker.

Kenny glaubt auch deshalb nicht an die Versprechen von Trump. Er würde ihn nie wählen. Aber jeden, der das tue, sagt er, könne er verstehen. Denn zu verlieren hätte Youngstown längst nichts mehr. "Trump mag albern sein, laut oder unausstehlich - und vielleicht ist er nicht einmal fähig. Aber die Leute wählen ihn, um das System, das nichts für sie tut, aufzurütteln." Also - Trump wählen aus einer Art Notwehr? Ich habe auf dieser Reise nach Youngstown zum ersten Mal verstanden, dass auch dies ein Motiv sein kann.

Dieser Beitrag lief am 04. Oktober 2016 um 22:15 Uhr in den tagesthemen.

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