Weißes Haus in Washington

Eine Woche vor der US-Wahl Doch wieder ein bisschen spannender

Stand: 01.11.2016 05:52 Uhr

Vor einer Woche schien die US-Wahl gelaufen zu sein. Nach den TV-Duellen hatte Hillary Clinton einen satten Vorsprung. Aber die umstrittene Ankündigung des FBI, wieder wegen ihrer E-Mails zu ermitteln, hat das Rennen wieder etwas spannender gemacht.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Wenn kurz vor der Präsidentschaftswahl noch ein unvorhergesehenes Ereignis passiert, dann nennen das die Amerikaner eine "Oktober-Überraschung". In diesem ungewöhnlichen Wahljahr kam sie ungewohnt spät im Oktober, dafür umso heftiger: Seit FBI-Direktor James Comey am Freitag bekanntgab, die bereits eingestellten Ermittlungen gegen Clinton wieder aufzunehmen, ist nichts mehr wie es war. Das Clinton-Lager und die Demokraten reagieren mit Empörung. Donald Trump und seine Anhänger dagegen wittern Morgenluft.

FBI-Chef James Comey | Bildquelle: AP
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Ausgerechnet FBI-Chef bescherte diesem Wahlkampf eine "Oktober-Überraschung". Und was für eine.

Nur Präsident Barack Obama bemühte sich um Deeskalation. Über seinen Sprecher Josh Earnest ließ er ausrichten, er glaube nicht, dass der FBI-Direktor absichtlich die Wahl beeinflussen wolle. Obwohl Comey der Republikanischen Partei angehört, halte ihn Obama für einen "prinzipientreuen und integeren Mann", so der Sprecher des Weißen Hauses, der Comeys Vorgehen weder verteidigen noch kritisieren wollte.

In Washington wird vermutet, dass sich Comey an sein Versprechen gebunden fühlte, das er den Republikanern im Kongress im Juli gegeben hat: Sollten neue Mails auftauchen, werde er sie umgehend informieren. Das Wissen um neu aufgetauchte Mails bis nach der Wahl zu verschweigen, das schien dem FBI-Direktor angesichts drohender Leaks zu riskant. Dass sich Comey dabei über die dringende Empfehlung seiner Vorgesetzten, Justizministerin Loretta Lynch, hinwegsetzte, stößt auf heftige Kritik der Demokraten. Zumal weiter völlig unklar ist, ob die neuen Mails wirklich neu oder längst untersucht sind und ob sie überhaupt von Clinton stammen.

"Es wird keine neuen Erkenntnisse geben!"

Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Ohio versuchte Clinton, ihre Anhänger zu beruhigen: "Ich bin sicher, dass sie zum gleichen Ergebnis kommen werden wie bei meinen Mails: Es wird hier keine neuen Erkenntnisse geben!" Das Justizministerium kündigte an, die Ermittlungen mit "allen nötigen Ressourcen" zu unterstützen.

Ein spezielles Computerprogramm scannt derzeit die angeblich 650.000 Mails auf dem Laptop von Anthony Weiner, dem Noch-Ehemann der Clinton-Vertrauten Huma Abedin. Mails von oder über Clinton müssten anschließend jedoch manuell ausgewertet werden. Dieser Prozess könne vor der Wahl kaum abgeschlossen werden, wird aus FBI-Kreisen berichtet.

Donald Trump scheint jetzt schon mehr zu wissen. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Michigan versicherte er: "Wir können sicher sein: Was in diesem Mails steht, ist absolut verheerend für Clinton." Trump warnte vor einer Verfassungskrise, wenn Clinton als Präsidentin ein Strafprozess drohe.

Clintons Vorsprung schmilzt, bleibt aber deutlich

Dass die allgemeine Verunsicherung Clinton schadet, wird in den Umfragen deutlich. Lag sie vor einer Woche zwischen fünf und zwölf Prozentpunkten vor Trump, ist ihr Vorsprung nun auf Werte zwischen zwei und fünf Prozentpunkten geschmolzen. Andererseits hat Clinton in den meisten der besonders umkämpften Bundesstaaten immer noch die Nase vorn.

Nur eines scheint sicher: Clintons Mails bleiben das bestimmende Thema im Wahlkampfendspurt. Zumal die Enthüllungsplattform WikiLeaks bereits die nächste Skandalmail veröffentlichte: Donna Brazile, Übergangschefin der Demokratischen Partei und regelmäßige Analystin bei CNN, informierte im Frühjahr Clintons Wahlkampfteam, welche Fragen CNN in einer der Vorwahlkampf-Debatten stellen würde.

Mailaffaire lässt Clintons Vorsprung schmelzen
M. Ganslmeier, ARD Washington
01.11.2016 05:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. November 2016 um 05:07 Uhr.

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