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Von der Sensationslust zur Empathie

Die Medien und das Massaker von Newtown

Von der Sensationslust zur Empathie

Erstmals gibt es eine Mehrheit in den USA, die Präsident Obamas Forderung nach strengeren Waffengesetzen unterstützt. Dazu beigetragen haben auch die Medien, die die Opfer in den Focus rückten. Zur Berichterstattung gab es aber auch viele kritische Stimmen.

Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkstudio Washington

Als das schreckliche Ereignis am vergangenen Freitag die heile Welt des kleinen Städtchens Newtown heimsuchte, gingen wie immer bei solchen Tragödien in Amerika die wichtigsten Fernsehsender und Nachrichtenkanäle sofort live ins Programm. In den ersten Stunden nach dem Massaker ging Schnelligkeit vor Genauigkeit. CNN-Reporterin Susan Candiotti war nicht die einzige, die die falsche Information eines Polizisten ungeprüft verkündete: "Meine Quelle hat den Täter als Ryan Lanza identifiziert."

Stundenlang wurde Ryan Lanza in aller Welt als Amokläufer und Massenmörder bezeichnet, obwohl er nur der Bruder des Täters ist und von der schlimmen Tragödie seiner Familie noch gar nichts mitbekommen hatte. Erst als er plötzlich hunderte Hassmails erhielt, weil der Nachrichtensender FoxNews und mehrere Online-Dienste die Meldungen aus Newtown mit seiner Facebook-Seite verlinkt hatten, ahnte Ryan Lanza, dass etwas Schlimmes passiert war: "Ich war es nicht! Ich war bei der Arbeit!", stellte er auf seiner Facebook-Seite klar. Doch erst viel später lief die Richtigstellung über die Sender.

Newtown - Das Massaker und die Medien
M. Ganslmeier, NDR Washington
22.12.2012 12:42 Uhr

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"Welch ein Alptraum!"

Immerhin war der Nachrichtensender CNN später bereit, seine eigene Berichterstattung kritisch beleuchten zu lassen. Der Medienkritiker der "Baltimore Sun", David Zurawik, fand deutliche Worte: "Ryan Lanzas Bild wurde 1000 mal pro Minute weitergeleitet. Welch ein Alptraum! Er war in einem Bus unterwegs und galt stundenlang als Massenmörder!"

Andere Falschmeldungen entpuppten sich als Gerüchte, die über Internet und Soziale Netzwerke verbreitet wurden: Angeblich habe die Mutter des Täters in der Schule gearbeitet. Und offensichtlich sei ein zweiter Schütze in einem nahegelegenen Wald festgenommen worden.

Bereits am Tag nach dem Massaker beklagte sich Polizeichef Paul Vance über falsche Informationen auf Facebook und im Internet, die die Ermittlungen erschwerten. Howard Kurtz, Medienjournalist bei "Newsweek", sieht darin auch eine "Herausforderung für Journalisten", denn Journalisten, die Twitter und Facebook nutzten, "dürfen diese Informationen nicht einfach wiedergeben, ohne sie gegen zu checken, sonst können sie große Probleme bekommen".

Mehr Aufmerksamkeit für die Opfer

In einem anderen Punkt haben die amerikanischen Medien aus ihren Fehlern gelernt. Nach früheren Amokläufen hatte sich die Berichterstattung oft tagelang auf den Täter, sein Umfeld und seine möglichen Motive konzentriert. Genau dies motiviere potentielle Nachahmer, lautete die Kritik. Diesmal war deutlich spürbar, dass die Medien vor allem über die Opfer berichten wollten.

Barack Obama
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"Diese Tragödien müssen aufhören" - US-Präsident Obama in Newtown.

Das viel zu kurze Leben der sechsjährigen Opfer wurde dem Publikum ausführlich vorgestellt - in Bildern, aber vor allem durch herzzerreißende Schilderungen von Freunden und Verwandten. Dass sogar Mitschüler zu Wort kamen, die schilderten, wie sie das Massaker überlebten, ging der Chefredakteurin des Online-Dienstes "Daily Download", Lauren Ashburn, zu weit. "Wie kann man bloß ein acht- oder sechsjähriges Kind den Tatort beschreiben lassen?", kritisierte Ashburn, "lasst das arme Kind in Ruhe!"

Frust über Waffengesetze

Anders als nach dem Massaker im Kino von Colorado im Juli veränderte sich in Newtown nach zwei Tagen der Ton der Berichterstattung. Vermutlich weil diesmal kleine Kinder die Opfer waren, vielleicht weil sich auch Präsident Obama seiner Tränen nicht schämte, wurde emotionaler berichtet. Auch Reporter konnten nur mühsam die Fassung bewahren, als die ersten Opfer beerdigt wurden. Und beim Thema Waffengesetze bemühten sich viele Journalisten - anders als bisher - bewusst nicht um Objektivität, sondern ließen - wie Piers Morgan von CNN - ihrem Frust freien Lauf: "Ich bin stinksauer. Kinder sind über den Haufen geschossen worden - und ihr von der Waffenlobby seht die Antwort in mehr Waffen! Verrückt!"

Dass endlich eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Waffen in Amerika stattfindet, ist sicher das größte Verdienst der Berichterstattung aus Newtown. Diesmal sind viele Sender entschlossen, am Thema dranzubleiben. Selbst der konservative Nachrichtensender FoxNews war nicht mehr bloßes Sprachrohr der Waffenlobby. Auch dort war häufig zu hören: "Genug ist genug - es muss sich etwas ändern!"

Dieser Beitrag lief am 22. Dezmeber 2012 um 17:20 Uhr auf NDR Info.

Stand: 22.12.2012 09:54 Uhr

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