Kritik an Polizei nach Befreiungsaktion in Cleveland

Das Haus der Schwester von Amanda Berry, die nach jahrelangem Verschwinden wieder aufgetaucht war (Bildquelle: AP)

Nach Befreiungsaktion in Cleveland

Hat die Polizei geschlampt?

Amerika hat jetzt seinen Fall Kampusch - und das gleich dreifach. Als Teenager entführt wurden drei Frauen fast ein Jahrzehnt in Cleveland im Bundesstaat Ohio gefangen gehalten. Ihre Entführer - drei festgenommene Brüder - werden heute wegen Kidnapping und Vergewaltigung angeklagt. Nach dem Jubel über die Befreiung wird nun Kritik an der Polizei laut.

Von Martin Ganslmeier, NDR, ARD-Hörfunkstudio Washington

Den ganzen Tag über war Amanda Berrys erlösender Anruf bei der Polizei in den amerikanischen Medien zu hören: "Ich bin gekidnappt worden, wurde zehn Jahre vermisst und bin jetzt frei!" Dass Amanda Berry, Gina Dejesus und Michelle Knight nach einem Jahrzehnt in Gefangenschaft endlich wieder bei ihren Familien sind, freut ganz Cleveland.

Doch im Laufe des Tages mischten sich in den Jubel kritische Fragen. Nur zwei Hinweise aus der Nachbarschaft habe die Polizei in den vergangenen Jahren erhalten, hatte noch am Vormittag Clevelands Sicherheitsdirektor Martin Flask behauptet: "Zu diesem Zeitpunkt kann ich bestätigen, dass wir keine Hinweise haben, dass uns Nachbarn, Passanten, Zeugen oder andere angerufen hätten."

Nach Befreiung der Frauen wächst Kritik an der Polizei
M. Ganslmeier, NDR Washington
08.05.2013 03:59 Uhr

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"Die dachten, wir machen einen Witz"

Wenig später aber meldeten sich immer mehr Nachbarn, die den Angaben der Polizei widersprachen. Nina Samoylicz schilderte im Sender CNN, was sie gemeinsam mit Freundinnen vor einigen Jahren im Garten der drei Brüder sah: "Wir sahen eine nackte Frau im Garten. Wir fanden das merkwürdig und riefen die Polizei an. Die dachten, wir machen einen Witz und nahmen uns nicht ernst."

Der mittlere der drei Brüder, Ariel Castro, habe die nackte Frau ins Haus zurückgeholt, erinnerte sich die Nachbarin. Und später habe sie ein kleines Mädchen am Fenster gesehen. "Sie schaute einfach aus dem Fenster. Dann kam Castro und schloss das Fenster. Und wir wussten nicht, was für den Rest des Tages mit ihr geschah", berichtete Samoylicz weiter. Auch ein anderer Nachbar gab an, den 52-jährigen Castro mit einem kleinen Mädchen gesehen zu haben.

Hätten die Anwohner genauer hinschauen müssen? Hat die Polizei wichtige Hinweise ignoriert? Antworten darauf will das FBI in den nächsten Tagen bekommen.

Nach der Befreiung in Cleveland: Akribische Untersuchung und viele offene Fragen
ARD Morgenmagazin , 08.05.2013, Karin Dohr, ARD Washington

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Vordergründig ein netter Nachbar

Jetzt schon ist klar, dass Ariel Castro - anders als seine zurückgezogen lebenden Brüder - ein geselliger, beliebter Nachbar war. Doch hinter der Maske des netten Nachbarn verbarg sich ein Mensch, der gemeinsam mit seinen beiden Brüdern die jungen Frauen jahrelang gefangen hielt.

Medienberichte, nach denen die Frauen mehrfach schwanger wurden, wollte die Polizei bisher nicht bestätigen. Sie durchsuchte allerdings Haus und Garten der Castro-Brüder stundenlang mit Spürhunden.

Angehörige können das Glück kaum fassen

Unterdessen konnten die Verwandten der befreiten Frauen ihr Glück kaum fassen: "Es ist unglaublich", sagte Sandra Ruiz, die Tante der heute 23-jährigen Gina. "Diese Frauen sind so stark und sie haben eine solch positive Einstellung!"

Die befreiten Amanda Marie Berry und Georgina Lynn Dejesus (Bildquelle: REUTERS)
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Amanda Marie Berry und Georgina Lynn Dejesus: Mit diesen Bildern suchte das FBI nach ihnen.

Ein Nachbar des Hauses, in dem die drei Frauen gefangen gehalten wurden. (Bildquelle: AP)
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Diesem Nachbarn war es zu verdanken, dass die Frauen schnell aus dem Haus fliehen konnten.

Vor allem Amanda Berry, ohne deren Hilfeschrei die Befreiungsaktion nicht gelungen wäre, wurde in den Medien für ihren Mut gefeiert. Sie hatte ein kleines Zeitfenster genutzt, um einen Nachbarn herbeizurufen. Nachdem sie die verriegelte Türe durchbrechen konnten, gelang ihr und ihrer sechsjährigen Tochter die Flucht.

Kurze Zeit später konnte die Polizei auch die beiden anderen Frauen befreien und die drei Brüder verhaften. Für die Mutter von Amanda Berry kam die glückliche Nachricht allerdings zu spät: Drei Jahre lang hatte sie unermüdlich nach ihrer Tochter gesucht, als sie 2006 an den Folgen ihres "gebrochenen Herzens" starb.

Das Haus, in dem die Frauen offenbar gefangen gehalten wurden (Bildquelle: dpa)
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Das Haus wirkte unscheinbar, niemand vermutete die Frauen dort.

Stand: 08.05.2013 04:38 Uhr

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