Angehörige der Amish in Kutschen (Archivbild) | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Amish in den USA Ein Jungbrunnen in den Genen?

Stand: 18.11.2017 13:25 Uhr

Sie leben wie vor 300 Jahren, ohne Technik oder modernen Komfort: Die Amish people in den USA. Nun rückt die christliche Gemeinschaft in den Fokus der Wissenschaft, denn eine Genmutation scheint bei einigen von ihnen das Altern auszubremsen.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio Washington

Die Forscher der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago haben sich die christliche Gemeinschaft der Amish als Forschungsobjekt gewählt. Wegen ihrer genetischen und geografischen Isolation sind die kutschefahrenden Amish für wissenschaftliche Studien ideal. Sie leben wie vor 300 Jahren, ohne Auto oder Laptop, ohne Turnschuhe oder Reißverschlüsse. Und sie könnten den Schlüssel für ein längeres und gesünderes Leben besitzen.

Genmutation erhöht Lebensdauer

"Seit Menschengedenken träumen die Leute doch von einer Art Jungbrunnen", sagt der verantwortliche Studienleiter Douglas Vaughan. Die Forscher untersuchten 177 Mitglieder der Amish-Gemeinschaft im US-Bundesstaat Indiana. Dabei fanden sie heraus, dass 43 dieser Amish eine mutierte Kopie des Gens mit der Bezeichnung "Serpine 1" trugen. Die Genmutation führt zu einem längeren Leben, erklärte Vaughan dem Radiosender NPR. Die Lebenserwartung könne um bis zu 13 Prozent steigen, also um ein ganzes Jahrzehnt.

Die Wissenschaftler erstellten daraufhin Stammbäume der Genträger. Sie konnten auf diese Weise 221 Vorfahren ermitteln, deren Geburts- und Sterbedaten bekannt waren. Die vermutlichen Mutationsträger waren durchschnittlich im Alter von 85 Jahren gestorben. Die Verwandten ohne Mutation starben im Durchschnitt mit 75 Jahren.

Weniger altersbedingte Krankheiten

Außerdem hatten die Träger der mutierten Gen-Kopie seltener Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das mutierte Gen zu einem starken Rückgang der Produktion des Proteins PAI-1 führt, das mit der Blutgerinnung zu tun hat und das den Alterungsprozess steuert. "PAI-1 ist Teil des molekularen Fingerabdrucks, der den Vergreisungsprozess beeinflusst", erläutert Veughan. Mit dem Altern sinke die Fähigkeit der Zellen, sich zu erneuern oder Gewebe zu reparieren. Und damit steige die Wahrscheinlichkeit für kardio-vaskuläre Erkrankungen, Diabetes oder auch degenerative Nervenerkrankungen.

Kann Medikament Mutation nachahmen?

Mit einem Medikament wollen die Wissenschaftler jetzt den Effekt des PAI-1-Proteins unterdrücken und so die Genmutation simulieren. Erste Tests gab es bereits an der Tohoku Universität in Japan. Mäuse, die mit dem Medikament behandelt wurden, lebten viermal so lange wie eine Testgruppe, die das Medikamt nicht erhielt. Zudem hatten die behandelten Tiere keine der typischen Alterserkrankungen. Die japanischen Behörden genehmigten nach Angaben Vaughans jetzt eine zweite Testphase.

In den USA strebt die Northwestern University ebenfalls eine Testgenehmigung an. Douglas Vaughan setzt große Hoffnungen in die Forschung: "Es gibt schon Medikamente zur Thrombose-Behandlung, die mit der Unterdrückung von PAI-1 arbeiten. Ich denke, dass man jetzt ganz gezielt Medikamente entwickeln kann, die den Alterungsprozess und alterungsbedingte Krankheiten beim Menschen beeinflussen."

Genmutation lässt viele Amish in den USA länger leben: Ewiger Jungbrunnen?
G. Biesinger, ARD Washinton
18.11.2017 12:48 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. November 2017 um 07:45 Uhr.

Darstellung: