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US-Waffenlobby schreibt Märchen um Wenn Rotkäppchens Oma die Knarre holt

Stand: 26.03.2016 16:34 Uhr

Rotkäppchen und seine Großmutter kennt jedes Kind. Aber mit Gewehr? Die US-Waffenlobby hat kurzerhand die Geschichten umgeschrieben und die Figuren bewaffnet - zum Entsetzen derer, die für strengere Waffengesetze kämpfen.

Von Rolf Büllmann, ARD-Studio Washington

Rotkäppchen gehört wohl zu den berühmtesten Märchen der Welt. Doch seit Kurzem gibt es eine neue Version davon. Eine Version, in der Rotkäppchen und Großmutter bewaffnet sind:

"Der Wolf kam immer näher, das Maul weit geöffnet - doch plötzlich blieb er stehen. Mit seinen großen Ohren hörte er das unverwechselbare Geräusch, das entsteht wenn ein Gewehr entsichert wird. Mit seinen großen Augen sah er, dass Großmutter eine Schrotflinte auf ihn gerichtet hatte. Ich glaube nicht, dass ich heute gefressen werde, sagte Großmutter. Und Du wirst nie wieder jemanden fressen. Oh, wie der Wolf es hasste, wenn Familien wussten, wie sich sich selber schützen können."

Amelia Hamilton hat diese Version des Märchens geschrieben, und zusammen mit dem Waffenverband NRA veröffentlicht. Zum Entsetzen derer, die für strengere Waffengesetze kämpfen. Die "Brady Campaign to Prevent Gun Violence" warf der NRA vor, das sei nichts anderes als eine ekelhafte, moralisch verwerfliche Marketingkampagne. Märchen seien nun mal lustiger als die harte Realität, in der jeden Tag fast 50 Kinder und Teenager in den USA durch Schusswaffen verletzt oder getötet werden.

Hamilton, die Autorin von "Rotkäppchen hat ein Gewehr" und "Hänsel und Gretel haben ein Gewehr" sagt dagegen, es gehe vorrangig um Sicherheit in ihren Geschichten: "Hänsel und Gretel wissen eben, dass sie nicht am Lebkuchenhaus der Hexe knabbern dürfen. Sie halten sich aus all den gefährlichen Situationen heraus, die in Märchen passieren und die sehr gewalttätig sind."

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Achtung, böser Wolf: Rotkäppchen Großmutter hat ein Gewehr (Screenshot von der Website der NRA)

Es fällt kein Schuss

Tatsächlich fällt in den neuen Versionen von Hänsel und Gretel und Rotkäppchen nicht ein einziger Schuss. Am Ende kommt der Sheriff und sperrt die Hexe ein, und der Jäger bewacht den Wolf, den Großmutter und Rotkäppchen in Ketten gelegt haben.

Trotzdem wirft die "Brady Campaign" der NRA vor, einen neuen Tiefpunkt erreicht zu haben mit ihrem Versuch, jetzt auch schon den Jüngsten Waffen aufzudrängen. Autorin Hamilton dagegen sagt in der NRA-Sendung "Cam&Co": "Sie sind keine Kinder, sie sind alt genug, um alleine Jagen zu gehen. Hänsel und Gretel haben kein konkretes Alter, aber sie sind alt genug, um allein im Wald zu sein - also für mich waren sie ältere Teenager." 

NRA richtet sich an Kleinkinder

Doch das Zielpublikum für Märchen - auch für Märchen mit Gewehren - bleibt eben deutlich jünger: Es sind die Kleinkinder, an die sich die NRA richtet. Und es gibt noch genug Märchen, die es umzuschreiben gilt. Im Mai will die Autorin eine Neuversion von "Die drei kleinen Schweinchen" veröffentlichen.

Vielleicht zeige sich dann ja, dass man sogar ein Haus aus Stroh vor dem großen bösen Wolf schützen kann, sagt der Moderator von "Cam&Co". Unausgesprochen bleibt: solange das Schweinchen ein Gewehr hat.

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US-Waffenlobby NRA schreibt Märchen um

R. Büllmann, ARD Washington
26.03.16 15:35 | audio

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