Trotz mehrerer Freisprüche Schriftstellerin Selek zu lebenslanger Haft verurteilt

Stand: 24.01.2013 20:47 Uhr

Seit 14 Jahren führt die Türkei einen kafkaesken Prozess gegen die Schriftstellerin Pinar Selek. Sie soll 1998 an einem Anschlag beteiligt gewesen sein. Dreimal wurde sie schon freigesprochen, sie lebt mittlerweile im Exil. Jetzt ist sie in Istanbul wieder zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Von Torsten Mandalka, RBB

Pinar Selek (Archivbild 2001) | Bildquelle: ASSOCIATED PRESS
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Wiederholt freigesprochen und wieder verurteilt: Die Schriftstellerin Pinar Selek (Archivbild von 2001)

Istanbul 1998 - eine Explosion zerstört einen Verkaufsstand auf dem Basar. Sieben Menschen sterben, Dutzende werden verletzt. Wie sich später auf Basis mehrerer Gutachten herausstellte, war offensichtlich ein Gasunfall die Ursache. Trotzdem ist die Autorin Pinar Selek in dieser Angelegenheit nun wohl endgültig verurteilt worden.

Dreimal hatte das Istanbuler Gericht für schwere Straftaten sie zuvor freigesprochen, auch weil sie belastende Aussagen vermeintlicher Zeugen unter Folter erpresst wurden. Auch Selek selbst erzählt, dass sie in Haft gefoltert wurde. Seit Jahren lebt sie nun im Exil, in Berlin und Straßburg.

Denn: Immer wieder sind die Freisprüche vom Obersten Gericht in Ankara kassiert worden. Konservative Kreise innerhalb der türkischen Justiz wollten offenbar auf Biegen und Brechen eine Verurteilung erreichen. Das Exil ist jetzt offenbar Pinar Seleks Schicksal. Bei einer Rückkehr nach Hause, nach Istanbul, droht sie sofort in einem türkischen Gefängnis zu verschwinden - für den Rest ihres Lebens.

"Ich weiß, dass ich unschuldig bin"

"Ich weiß, dass ich unschuldig bin", sagt sie selbst dazu. "Ich will nicht, dass irgendjemand mir verbietet, bei mir zu Hause zu sein." Sie habe keine Fehler begangen und nichts Schlechtes getan. "Und Männer, die ich gar nicht kenne, sollen entscheiden wo ich leben darf? Das lasse ich nicht zu!" Doch Seleks kämpferische Haltung weicht so langsam großer Verzweiflung.

Warum aber ist ausgerechnet diese Frau für die türkische Justiz eine Art Staatsfeind Nr. 1? "Ich denke, dass eine Soziologin sich mit gesellschaftlichen Wunden befassen sollte. Wenn nicht sie, wer dann?", sagt sie dazu. "Deshalb habe ich mich immer damit befasst, angefangen von der Arbeit mit Sex-Arbeiterinnen, mit Obdachlosen, mit Kriminellen. Als ich mich dann allerdings mit dem kurdischen Problem zu beschäftigen begann, wurde dies vom Staat nicht einfach so hingenommen. Auch als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, habe ich meine Studien weiter geführt. Nicht nur zur Kurdenfrage, sondern auch zur Armenierfrage und zum Militarismus." Damit setzte sie sich in etliche Nesseln.

"Die Türkei ist ein Land voller Widersprüche"

Versteht Pinar Selek eigentlich selbst, was da seit 14 Jahren mit ihr passiert? "Die Türkei ist ein Land voller Widersprüche", sagt sie. "Zum einen gibt es eine starke Unterdrückung. Tausende von Menschen sind im Gefängnis aus politischen Gründen. Und zugleich gibt es auch in Freiheit Tausende von Leuten, die immer aktiv sind, die Debatten und Demonstrationen organisieren. Es ist einfach ein sehr lebendiges Land."

Aber die offizielle Türkei ist eben auch ein Land, das im Moment weiter denn je von Europa weg zu sein scheint - auch wenn Selek selbst so weit auf keinen Fall gehen will. Das Urteil gegen sie ist jedenfalls kein Signal der Annäherung.

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