Ein Kind steht neben einem Krankenwagen in Aotaya, Syrien. | Bildquelle: MOHAMMED BADRA/EPA-EFE/REX/Shutt

Kinder im Syrienkrieg Eine geschundene Generation

Stand: 12.03.2018 17:26 Uhr

Es war das bisher schlimmste Jahr für Kinder in Syrien: Mehr als 900 Jungen und Mädchen wurden laut UNICEF 2017 getötet - 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Organisation warnt vor einer ganzen Generation mit seelischen Schäden.

Durch den seit sieben Jahren andauernden Krieg in Syrien hat nach Schätzung von UNICEF eine ganze Generation bereits seelische oder körperliche Schäden erlitten. Das UN-Kinderhilfswerk beklagt unvorstellbares Leid in dem geschundenen Land.

Kein syrisches Kind entgehe den Folgen des Krieges, sagte Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. Die Jungen und Mädchen, die überleben, hätten den Tod von Angehörigen, Bombenhagel, Flucht oder Vertreibung erlebt, mit unabsehbaren psychischen Folgen. Schneider sprach von "einer ganzen Generation kriegsversehrter Kinder". Er appellierte an alle Konfliktparteien: "Der Krieg gegen Kinder muss jetzt aufhören." Es brauche eine sofortige Waffenruhe, die den Namen verdiene.

Kindersoldaten auf allen Seiten

Überall seien Kinder in Syrien gefährdet, erklärte der zuständige UNICEF-Regionaldirektor Geert Cappelaere in Amman. Sie könnten auf dem Schulgelände oder auf Spielplätzen getroffen werden, oft auch durch nicht explodierte Sprengsätze - so wie der 14-jährige Sami, der zwei seiner Cousins und beide Beine durch einen Bombenangriff beim Spielen verlor.

Alle Kriegsparteien würden mittlerweile Kinder und Jugendliche rekrutieren und auch angreifen. Dabei gehöre der Schutz von Kindern in Konflikten zu den grundlegenden Prinzipien des Völkerrechts, appellierte Cappelaere. "Diese rote Linie sollte nie überschritten werden." Doch diese Prinzipien seien offenbar nicht mehr gültig. Ein Viertel der "Kindersoldaten" sei jünger als 15 Jahre.

Am schlimmsten ist es in Ost-Ghouta

Lastwagen des Internationale Komitees des Roten Kreuzes bringen humanitäre Hilfe in die syrische Stadt Duma. | Bildquelle: AFP
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Nur selten kommen Hilfslieferungen in Syrien an.

Mit besonderer Sorge schaut Cappelaere auf das eingeschlossene Rebellengebiet Ost-Ghouta, wo nur selten und unter großen Gefahren Hilfslieferungen durchkommen. Dort leben etwa 400.000 Einwohner, darunter 200.000 Kinder. 40 Prozent der Minderjährigen dort sei chronisch unterernährt. "Ost-Ghouta ist schlimmer als Ost-Aleppo".

Allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres sind dem Bericht zufolge über 1000 Jungen und Mädchen umgekommen. "Es herrscht blanke, gnadenlose Gewalt gegen Kinder", sagte Schneider. Der Tiefpunkt der Unmenschlichkeit sei noch lange nicht durchschritten.

910 getötete Kinder in einem Jahr

2017 war laut UNICEF das bisher schlimmste Jahr für Kinder in Syrien. Mindestens 910 Jungen und Mädchen seien getötet und 361 verletzt worden - eine Steigerung um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen, und ein Ende des Krieges sei nicht in Sicht.

Millionen syrische Kinder können nicht zur Schule gehen. Cappelaere verwies jedoch auf "mutige Lehrer", die selbst unter widrigsten Bedingungen etwas Unterricht halten.

Allein für dieses Jahr schätzt UNICEF den Hilfebedarf für Syrien auf über eine Milliarde Euro. Denn fast 70 Prozent der Bevölkerung lebe in extremer Armut - sie müssen pro Person mit umgerechnet weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen.

750.000 behinderte Kinder

Behinderte Kinder sind laut UNICEF in dem Bürgerkriegsland besonders benachteiligt. Oft könnten sie nicht angemessen behandelt werden. Die Hilfsorganisation schätzt, dass schon jetzt etwa 750.000 Kinder mit Behinderungen leben müssen. Doch trotz allen Leids, das sie erfahren hätten, seien es Kinder mit Hoffnungen, Träumen und Plänen. Sie sprächen von ihren Wünschen, Sportler, Arzt oder Architekt zu werden, sagte Schneider.

Zivilisten in Aleppo versuchen, Säuglinge in Sicherheit zu bringen. | Bildquelle: AFP
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Über die Hälfte der Syrer wurde vertrieben - darunter auch viele Kinder.

Insgesamt hätten 1,5 Millionen Syrer infolge des Krieges eine Behinderung, 86.000 davon mussten Gliedmaßen amputiert werden. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt entweder als Flüchtling im Ausland oder ist innerhalb Syriens vertrieben worden.

Hunderttausende Tote seit Kriegsbeginn

Der Syrien-Konflikt begann am 15. März 2011, als das Regime von Machthaber Bashar al-Assad mit Gewalt gegen friedliche Proteste vorging. In dem arabischen Land bekämpfen sich das Assad-Regime, oppositionelle Rebellen und Terrormilizen. Neben Russland stehen der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz auf der Seite Assads. Die Türkei geht in der Region Afrin militärisch gegen kurdische Milizen vor, die von den USA Hilfe erhalten.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden seit Kriegsbeginn fast 354.000 Menschen getötet. Unter den Opfern seien mehr als 106.000 Zivilisten, unter ihnen fast 20.000 Kinder und 12.500 Frauen, teilte die oppositionsnahe Organisation mit. Ihre Angaben sind von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen. Die UN sprechen sogar von mehr als 400.000 Toten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. März 2018 um 12:00 Uhr.

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