Demonstranten vor der russischen Botschaft | Bildquelle: Jödpa

Unicef-Bericht "Unsere verdammte Pflicht, nicht aufzugeben"

Stand: 07.12.2016 16:51 Uhr

In Berlin war der Syrien-Krieg heute gleich zweimal Thema: Bei einer fast schon verzweifelt wirkenden Pressekonferenz des Kinderhilfswerks Unicef und bei einer Demonstration vor der russischen Botschaft. Der Tenor an beiden Orten: Wir dürfen nicht weggucken.

Von Sabine Müller, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn Hanaa Singer anfängt, zu erzählen, wird es still im Raum. Die Syrien-Chefin von Unicef ist per Video aus Damaskus zugeschaltet und berichtet mit viel Leidenschaft darüber, was sie und ihre Mitarbeiter täglich erleben.

In den belagerten Städten würden Kinder sterben, weil sie nicht die paar Meter über die Frontlinie zu einem Krankenhaus gebracht werden könnten, erzählt Singer. Sie habe schon viele tote Kinder gesehen, aber manche hätten sich besonders ins Gedächtnis eingebrannt: Die beiden Mädchen mit den pinken Haarschleifen, die sich auf den Schulweg machten und kurz darauf in der Leichenhalle lagen. Der 16-Jährige, der nur noch Haut und Knochen war und vor ihren Augen an Unterernährung starb.

Aber Singer erzählt auch von Hoffnung, von Kindern, die sich durch das Kriegsgebiet schlagen, um zur Schulabschlussprüfung zu gehen, und die mit leuchtenden Augen erzählen, dass sie später einmal Ärztin oder Architekt werden wollen.

"Unsere verdammte Pflicht"

Die Kinder in Syrien gäben nicht auf, schließt Singer, und wir dürften es auch nicht tun. First Lady Daniela Schadt, die Schirmherrin von Unicef Deutschland, stimmt Singer zu: "Wenn die Kinder, die Jugendlichen und die Familien in Syrien nicht aufgeben, dann haben wir - mit Verlaub - die verdammte Pflicht es hier auch nicht zu tun!"

Jeder Bürger sollte sich angesprochen fühlen, sagt Schadt. Jeder könne etwas tun, auch kleine Beträge würden helfen. Knapp sechs Euro würden zum Beispiel schon für eine Thermodecke reichen, die Leben retten könne. Sechs Millionen syrische Kinder müssen mit Kleidung, Decken und Essen versorgt werden, damit sie den Winter überleben. Allein in den nächsten Wochen werden zwölf Millionen Euro an Soforthilfe gebraucht.

Geert Cappelaere, der Unicef-Regionaldirektor für den Mittleren Osten, lobt, wie großzügig die Deutschen schon für Syrien gespendet haben, aber er wirkt auch verzweifelt. "Uns gehen die Worte aus, noch zu beschreiben, wie himmelschreiend die Lage in Syrien ist. Alle Kriegsparteien sind verantwortlich für diese Tragödie", betont Cappellaere. Und die Welt lasse die syrischen Kinder im Stich.

Vor der russischen Botschaft in Berlin haben sich ein paar hundert  Demonstranten versammelt und halten Schilder hoch mit Aufschriften wie "Aleppo - lupenreiner Massenmord" oder "Putin - Hast Du nicht genug Blut getrunken?" "Dieses Gemetzel muss aufhören und da haben die Russen nun einmal den größten Einfluss", sagt ein Demonstrant.

"Wo sind die alle?"

Nur, wie man Russlands Präsidenten Putin dazu bringen könnte, mit den Bombardements in Syrien aufzuhören, weiß niemand so genau. Deutlichere Worte der internationalen Politik, Sanktionen vielleicht? Mehr öffentlicher Druck könnte nicht schaden, meint Grünen-Chef Cem Özdemir: "So ein bisschen frage ich mich schon, wo sind die alle heute?"

Ja, wo sind sie? All die vielen Tausend Menschen zum Beispiel, die damals gegen den Irak-Krieg der USA protestierten. Vielleicht haben sechs Jahre Syrien-Krieg die Öffentlichkeit einfach zu sehr abgestumpft - und die Politik auch. Heute war der Krieg in Berlin im Fokus - an vielen anderen Tagen ist er nur eine Randnotiz.

UNICEF ruft zur Unterstützung der syrischen Bevölkerung auf
S. Müller, ARD Berlin
07.12.2016 16:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Dezember 2016 um 13:19 Uhr

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