Ein Flüchtling springt über eine Pfütze auf der griechischen Insel Lesbos | Bildquelle: AP

Griechische Inseln "Die Situation der Flüchtlinge ist beschämend"

Stand: 12.01.2017 14:06 Uhr

Durchgeweichte Zelte und Menschen, die in der Kälte auf die Essensausgabe warten: Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen beklagt die schlechte Situation vieler Flüchtlinge auf den griechischen Inseln. Eine schnelle Besserung ist aber nicht in Sicht.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Erst tage- und nächtelange Kälte, jetzt Tauwetter mit Regen und viel Schlamm: In den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln sind viele Menschen verzweifelt oder zumindest ratlos. Flüchtlingshelfer auf Lesbos bekommen immer wieder das Gleiche zu hören: "Es ist sehr kalt, wir können sehr schlecht schlafen. Es ist wirklich unerträglich - gerade für unsere Kinder", rufen ihnen die Asylsuchenden aus Syrien, Afghanistan und weiteren afrikanischen Ländern zu.

Viele Flüchtlinge haben in den vergangenen Winternächten starke gesundheitliche Probleme bekommen. Die Alarmrufe von Ärzten auf den griechischen Inseln häufen sich in diesen Tagen, sagt Roland Schönbauer aus dem Athener Team des UNHCR, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen: "Der Schnee geht, aber das Problem bleibt. Die Menschen brauchen viel mehr Platz und bessere Unterkünfte als nur Zelte, die unter dem Schnee oder dem Regen eingehen und wo alles nass wird." Außerdem müsste die Essensausgabe so organisiert werden, dass Menschen nicht eine Stunde im Regen stehen, Toiletten, auf die man nicht eine Stunde warten muss und Duschen, die genug warmes Wasser für alle haben. "Aber das klappt alles nicht, weil die Inseln zweifach oder gar dreifach überbelegt sind."

Camps sind nur Notlösungen

Seit Monaten liefert das UNHCR immer wieder neue Wohncontainer auf die griechischen Inseln, doch das reicht längst nicht für alle. Auch in dieser Woche kamen trotz des eisigen Winterwetters immer wieder neue Flüchtlinge an. Nur wenige, wie etwa schwangere Frauen und Kinder, dürfen in Noteinsätzen aufs Festland gebracht werden.

ARD-Hörfunkkorrrspondent Michael Lehmann mit Roland Schönbauer, UNHCR-Sprecher für Griechenland
galerie

ARD-Hörfunk Korrespondent Michael Lehmann hat Roland Schönbauer aus dem Team des UNHCR in Athen getroffen.

"Camps sind immer nur Notlösungen. Besser bringt man Menschen in Häusern oder Wohnungen unter. Und daher arbeiten wir auf allen Inseln auch daran, Hoteliers zu einem Spezialdeal zu überreden", sagt Schönbauer.

"Bohren dicker Bretter"

Mit einigen örtlichen Hoteliers auf Lesbos oder Chios wurde das UNHCR schnell einig, manche haben einen Teil des Wohnraums sogar kostenlos zur Verfügung gestellt. Aber es gibt auch reichlich Widerstand. Auf Samos zum Beispiel spricht Schönbauer diplomatisch vorsichtig vom "Bohren dicker Bretter".

Dort leben mehrere Hundert Flüchtlinge in unbeheizten Zelten und laut UNHCR gibt es viele Inselbewohner, die eine bessere Unterbringung strikt ablehnen. Damit schaden sie auf lange Sicht auch dem Tourismus, von dem sie leben, meint Schönbauer: "Wenn immer dramatischere Bilder von Menschen, die krank aus durchnässten Zelten kriechen, von Samos aus um die Welt gehen, wird das für die Tourismusindustrie nicht sehr nützlich sein. Wenn es aber mit der Unterbringung besser klappt, ist das gut für das Image der Insel und für den Tourismus."

Schnelle Besserung nicht in Sicht

Immer wieder hat das UNHCR, wie auch andere Hilfsorganisationen, an die griechische Regierung appelliert, mehr zu tun. Doch dieser Appell sei in Richtung EU genauso wichtig, sagt Schönbauer. Der EU müsse klar sein, dass zwei Drittel der Neuankömmlinge auf den griechischen Inseln aus Kriegsgebieten oder sehr unsicheren Ländern kommen: "Dorthin wird Europa die Menschen nicht zurückschicken können. Und wenn sie sowieso bleiben, kostet es uns doch weniger, wenn wir ihnen Integrationschancen bieten. Dazu müssen sie selbst aber natürlich auch ihren Beitrag leisten."

Die Situation der etwa 50.000 Flüchtlinge, die zur Zeit auf dem griechischen Festland auf ihre Asylfahren warten, sei laut UNHCR besser - so auch der Standard in vielen Unterkünften. Allerdings lebten auch auf dem Festland immer noch Menschen in Lagerräumen, die bisher allenfalls für die Aufbewahrung von Toilettenpapier geeignet waren. Durch die Krise in Griechenland, so Schönbauer, ist auch hier nicht abzusehen, dass es für Flüchtlinge schnell besser wird.

"Beschämend": UNHCR zur Lage der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln
M. Lehmann, ARD Berlin
12.01.2017 12:39 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. Januar 2017 um 12:20 Uhr.

Darstellung: