Zerstörtes Wohngebiet in der Nähe von Gaza-Stadt | Bildquelle: AP

UN-Bericht zur Lage in Palästinensergebiet "Gaza bis 2020 unbewohnbar"

Stand: 02.09.2015 12:59 Uhr

Rekordarbeitslosigkeit, schlechte Strom- und Wasserversorgung, keine Perspektiven. Die Lage im Gaza-Streifen ist derart dramatisch, dass ein UN-Bericht warnt, das Gebiet könnte bis 2020 unbewohnbar werden. Schuld sei die Blockade durch Israel und Ägypten.

Von Tim Aßmann, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Die einfache Hütte aus Wellblech und Planen steht auf Sand, am Rande von Rafah, ganz im Süden des Gaza-Streifens. Hier lebt - ohne Strom und fließend Wasser - Nada Abu Odwan, gemeinsam mit ihrer Mutter, einem Bruder und einer Schwester. Die Familie ist bettelarm. Um die Hütte herum liegen Felder, aber es fehlt das Geld für Saatgut.

Die Palästinenserin Nada Abu Odwan in Gaza
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Der Palästinenserin Nada Abu Odwan und ihrer Familie fehlt es an fast allem.

Eigentlich müsste die 25-Jährige Nada längst verheiratet sein, doch es findet sich kein potenzieller Ehemann. Nadas Leben ist bestimmt von Perspektivlosigkeit. "Es gibt keine Arbeit in Gaza. Und diejenigen, die keine Arbeit haben, besitzen gerade genug zum Überleben. Zu wenig um zu sparen, einmal ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen."

Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau

Die 25-Jährige kann stellvertretend stehen für viele in ihrer Generation. Acht von zehn jungen Frauen im Gaza-Streifen sind ohne Arbeit. Nur eine von vielen bedrückenden Statistiken im aktuellen Bericht der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung, kurz UNCTAD. Die Arbeitslosigkeit in dem abgeriegelten Küstengebiet hat den UN-Experten zufolge mittlerweile das Rekordniveau von 44 Prozent erreicht, die Jugendarbeitslosigkeit liegt einer anderen Statistik zufolge bei 57 Prozent.

Rund 19.000 Wohnungen, knapp 250 Fabriken und Werkstätten, sowie 300 Geschäfte wurden im Krieg im vergangenen Sommer zerstört, fasst der UN-Bericht zusammen. Es kamen aber nur knapp sechs Prozent des für den Wiederaufbau benötigten Baumaterials in den überbevölkerten Küstenstreifen - der auf allen Seiten von Ägypten und Israel abgeriegelt ist. Strom gibt es häufig nur für wenige Stunden und das Grundwasser eignet sich überwiegend nicht als Trinkwasser.

Gaza in fünf Jahren unbewohnbar
Tim Aßmann, ARD Tel Aviv
02.09.2015 12:51 Uhr

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Die Mittelschicht vernichtet

Der Krieg habe die Mittelschicht im Gaza-Streifen wirtschaftlich vernichtet, schreiben die Autoren der UN-Studie und sie schlussfolgern: Wenn sich an der aktuellen wirtschaftlichen Lage nichts ändert, wird der Gazastreifen 2020, also in nicht einmal fünf Jahren, unbewohnbar sein. Diese Prognose stellten vor der UNCTAD schon andere Experten.

Die Situation der 1,8 Millionen Bewohner des Gaza-Streifens sei so schlimm, wie seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 nicht mehr, schreiben die Analysten des Thinktanks "International Crisis Group" in ihrem jüngsten Lagebericht.

Ende der Blockade gefordert

35 internationale Hilfsorganisationen forderten vor Kurzem ein Ende der Abriegelung durch Israel und Ägypten. Adnan Abu Hasna ist Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks für die Palästinenser im Gaza-Streifen. "Wir versorgen knapp eine Million Menschen mit Nahrung. Sie bekommen genügend Lebensmittel um damit jeweils drei Monate zu Recht zu kommen. Wir müssen das tun wegen der Blockade. Es wird auch nichts exportiert und quasi niemand kann rein oder raus. Ich habe mal ausgerechnet wie viele Palästinenser Gaza im vergangenen Jahr verlassen haben. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung heißt das: Jeder Bewohner von Gaza kann einmal in 200 Jahren raus."

Die Abriegelung wird aktuell noch verstärkt. Ägypten legt auf seiner Seite der Grenze Wassergräben an. Unter dem Gebiet verlaufen noch einzelne Schmugglertunnel in den Gaza-Streifen. Immer wieder versuchen Palästinenser den Küstenstreifen zu verlassen, klettern über Sperrzäune oder versuchen schwimmend heraus zu kommen. Wer Israel erreicht, wird allerdings meist entdeckt, verhaftet und sofort abgeschoben.

Karte: Gazastreifen
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Der Gaza-Streifen ist von Ägypten und Israel abgeriegelt. Zentrale Güter wie Lebensmittel, Baustoffe oder Medikamente erreichen die Gebiete daher nicht im nötigen Umfang.

Dieser Beitrag lief am 02. September 2015 um 12:27 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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