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Vor fünf Jahren bestimmte die Farbe Orange die Straßen der ukrainischen Hauptstadt. Zehntausende protestierten in Kiew friedlich gegen Wahlfälschungen, die orangene Revolution begann. Die politischen Hauptfiguren von damals - Janukowitsch, Timoschenko, Juschtschenko - streiten auch heute noch um die Macht.
Von Christina Nagel, ARD-Hörfunkstudio Moskau
Der Auftritt der pro-westlichen Premierministerin Julia Timoschenko vor einem Monat ist bis ins kleinste Detail perfekt inszeniert. Rund fünf Jahre nach der orangenen Revolution wird die Partei sie an diesem Tag zur offiziellen Kandidatin für die Präsidentschaftswahl im Januar 2010 küren. Nicht in irgendeiner Halle auf einem Parteitag, sondern vor Tausenden Menschen auf dem Majdan, dem Platz der Unabhängigkeit. Jenem Ort, an dem fünf Jahre zuvor die orangene Revolution ihren Anfang nahm.
Wie damals hat Timoschenko ihre blonden Haare zu einem Kranz geflochten. Eine Reminiszenz an die glorreiche Vergangenheit, die sie beschwören will: "Ich möchte Ihnen sagen, dass ich heute zusammen mit Ihnen gegen einen wahren Tsunami ankämpfe, der jeden Schritt verhindert." Dies seien aber nur zeitweilige Komplikationen, sagt Timoschenko."Die Hauptsache ist, dass wir den Willen und den Wunsch haben, sie zu überwinden. Ich kann Ihnen voll Zuversicht sagen: Keine einzige unserer Ideen ist verloren gegangen."
[Bildunterschrift: Das Verhältnis zwischen Timoschenko und Juschtschenko, einst Verbündete in der orangenen Revolution von 2004, ist längst schwer gestört. ]
Derjenige, gegen den sie ankämpft, ist Präsident Viktor Juschtschenko. Jener Mann, an dessen Seite sie vor fünf Jahren für den demokratischen Auf- und Umbruch in der Ukraine stritt.
Es begann am Abend des 21. November 2004, nach Schließung der Wahllokale. Ersten Prognosen zufolge hat Viktor Juschtschenko bei der Stichwahl um das Präsidentenamt einen klaren Sieg errungen. Seine Anhänger versammeln sich auf dem Majdan, im Herzen Kiews, um das Ergebnis zu feiern.
Doch die Lage ändert sich. Am späten Abend gibt die zentrale Wahlbehörde überraschend den Sieg des Ministerpräsidenten und Wunschkandidaten des amtierenden Präsidenten Leonid Kutschma bekannt: Viktor Janukowitsch.
[Bildunterschrift: Lässt sich als Wahlsieger feiern: Viktor Janukowitsch. ]
Daraufhin ruft Juschtschenko seine Anhänger auf, aus der Siegesfeier eine Protestveranstaltung gegen die offensichtliche Wahlfälschung zumachen. "Ich wende mich an alle, die hier sind", so Juschtschenko damals. "Bleibt auf dem Majdan, geht nicht weg. Menschen aus der ganzen Ukraine sind auf dem Weg zu uns. Es sind Tausende. Jetzt beginnt erst alles."
In der Nacht lässt die Staatsmacht Soldaten und Sicherheitskräfte aufmarschieren. Zentrale Regierungsgebäude und die Wahlbehörde stehen unter besonderem Schutz. Im Laufe des nächsten Tages wird das vorläufige Endergebnis bekannt gegeben und der russland-nahestehende Janukowitsch ganz offiziell zum Sieger erklärt.
Auf dem Majdan harren unterdessen Zehntausende aus. Sie haben Zeltstädte aufgebaut und wollen erst gehen, wenn die Gerechtigkeit gesiegt hat. Es geht um einen Bruch mit dem alten System, um einen neuen demokratischen Anfang, der die Farbe von Juschtschenkos Partei trägt: orange.
Timoschenko, die sich an Juschtschenkos Seite gestellt hat, ruft zum Generalstreik auf. Demonstranten blockieren nach und nach die wichtigsten Regierungsgebäude und den Präsidentensitz. Trotz aller Leidenschaft und Emotionalität - es bleibt ein friedlicher Protest. "Wir haben die Nacht hier ausgeharrt und wir werden weiter hier bleiben. Wir weichen nicht, weil die Wahrheit auf unserer Seite ist", sagt ein Demonstrant. Gemeinsam mit den anderen fordert er, die wahren Wahlergebnisse öffentlich zu machen. Juschtschenko macht derweil den Vorschlag, die Wahl zu wiederholen. Beides scheitert.
Nach fünf Tagen friedlichem Protest schalten sich internationale Vermittler ein. Es kommt zu Gesprächen zwischen Kutschma, Juschtschenko und Janukowitsch, die jedoch weitgehend ohne Ergebnis bleiben. Präsident Kutschma gibt sich trotzdem zufrieden: "Beide Seiten erklären, dass sie gegen die Anwendung von Gewalt sind und jegliches Blutvergießen vermeiden wollen." Es werde weitere Verhandlungen geben. Kutschma kündigt, die Bildung von Arbeitsgruppen an.
Was diese Arbeitsgruppen tun sollen, bleibt unklar. Juschtschenko und Timoschenko, die an der Spitze der orangenen Bewegung stehen und längst zu Symbolfiguren für Freiheit und Neuanfang geworden sind, setzen ihre Hoffnungen mittlerweile auf den Obersten Gerichtshof. Der erklärt am 3. Dezember tatsächlich die Stichwahl für ungültig. Und ordnet eine Neuwahl an.
Aus der Wahl am 26. Dezember geht Juschtschenko als Sieger hervor. Die Demonstranten auf dem Majdan sind erleichtert. "Das, was hier passiert, ist wunderbar! Der Prozess der Demokratie ist nicht mehr zu stoppen."
Heute - fünf Jahre danach - ist von dieser Euphorie nicht mehr viel zu spüren. Die Revolutionsikonen von damals haben sich nach Überzeugung vieler Ukrainer in typische Machtmenschen verwandelt, was Dauer-Kontrahent Janukowitsch heute gern thematisiert: Seiner Ansicht nach haben die "Orangenen" keines ihrer Versprechen umgesetzt. "Kein einziges Versprechen, das diese Scheindemokraten abgegeben haben, wurde erfüllt." Sie hätten der "Demokratie mehr Schaden zugefügt, als jede andere Führung zuvor".
Doch auch Janukowitsch hat als Oppositionsführer maßgeblich Anteil an der politischen und strukturellen Dauerkrise im Land. Die drei Protagonisten werden ihren Kampf um die Macht weiter fortsetzen - vielleicht sogar bis das Volk die Nase voll hat und wieder auf den Majdan zieht.
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