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In der Ukraine wird seit dem Morgen ein neuer Präsident gewählt. Bisher galt der Osten des Landes als Zentrum des ukrainischen Kohlebergbaus und Schwerindustrie. Inzwischen stehen viele Betriebe vor der Pleite. Der Bergmann Sergej Krawtschuk aus Donezk erwartet auch keine bessere Zukunft.
Von Christina Nagel, ARD-Hörfunkstudio Moskau
Sergej Krawtschuk lacht verlegen. Fast so, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass die Küche so klein ist. Der Herd und der Kühlschrank sind nur eine Armlänge vom Tisch entfernt. Über 16 Jahre hat der Kumpel auf diese Wohnung gewartet: drei Zimmer, Küche, Bad in einem schlichten Neun-Etagen-Plattenbau, und er ist zufrieden. " Es gibt alles, was man braucht, Gas und warmes Wasser. Es ist sehr bequem."
[Bildunterschrift: Sergej Krawtschuk ist Bergmann in der Ost-Ukraine. ]
Große Sprünge sind bei der Familie Krawtschuk nicht drin, obwohl alle mitverdienen. Sergej, seine Frau Valentina und sein Sohn arbeiten in der staatlichen Kohlegrube Abakumov. Nur die Tochter hat mit der Bergbau-Tradition gebrochen, sie arbeitet als Krankenschwester in Donezk. "Wir haben keine Brillianten und Pelzmäntel, sind aber angezogen, wie Sie sehen", die Wohnung ist nicht leer, auch wenn man sie besser einrichten könnte. Aber bei Gott, es geht uns nicht schlecht", sagt Sergej.
Der Bergmann ist überzeugt, dass viele in Donezk schlechter dran sind. Viele Wirtschaftsbetriebe sind pleite. Wie lange die vier staatlichen Kohle-Unternehmen noch überleben werden, weiß niemand. Es gibt zwar noch reichlich Kohle unter der Erde, jedoch ist der Abbau aus Sicht von Experten nur noch bedingt rentabel.
[Bildunterschrift: Fassade der Zeche Abakumov in der Ostukraine. ]
Für Modernisierungsmaßnahmen fehlt Geld, und auch ein schlüssiges Konzept, wie man die Bergbau-Region umstrukturieren könnte, gibt es nicht. Vieles, seufzt Sergej, liege im Argen. Es fehle an Perspektiven für die Jugend. "Ich bin offiziell Rentner, muss aber trotzdem arbeiten. Wie soll man von umgerechnet 50 Euro im Monat leben? Ich weiß nicht, wo die Regierung hinschaut, wie sie meint, dass man leben kann." Wer dann noch das Pech habe, krank zu sein, habe kaum eine Chance, über die Runden zu kommen.
Der 59-Jährige weiß, wovon er spricht, denn er hat sich seine Knochen unter Tage ruiniert und seine Frau leidet unter Diabetes. Ein Großteil des gemeinsamen Verdienstes geht für Medikamente drauf.
"Wenn man bei uns vom Parlament spricht, sagt man mittlerweile nicht mehr Werchownaja Rada (Oberster Rat), sondern Werchownaja Zrada (Oberste Verräter). Die Abgeordneten, so Sergej, wüßten doch nicht mehr, was ein Brot koste. "Das macht mich wütend, denn viele Menschen haben ihre Gesundheit in den Gruben und auf den Kolchosfeldern für schäbige Kopeken ruiniert."
[Bildunterschrift: Der Mann, der es in der Ukraine richten soll: Viktor Janukowitsch. ]
Mitschuld an der Situation seien Präsident Viktor Juschtschenko und Premierministerin Julia Timoschenko. Der eine habe - kaum an der Macht – damit begonnen, Gruben zu schließen. Die andere habe florierende Betriebe zu Dumpingpreisen an Oligarchen verschleudert. Wenn überhaupt einer das Ruder rum reißen könne, dann sei es Oppositionsführer Viktor Janukowitsch - der Mann aus Donezk, glaubt Sergej. "Allein zu kämpfen ist natürlich sehr schwer. Auch für Janukowitsch. Aber als er Premierminister war, wurde hier richtig was aufgebaut, neue Betriebe wurden geöffnet. Auch Klein- und Mittelständische."
Sergej weiß sehr wohl, dass damals andere Zeiten waren. Dass heute die Wirtschaftskrise der Ukraine schwer zu schaffen macht. Wie viele Kumpel in Donezk will er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aber noch nicht aufgeben. Irgendein Politiker, meint er leise, müsse es doch ernst meinen mit dem Volk.
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