Bauarbeiten an der ukrainisch-russischen Grenze. Die Regierung in Kiew will bis 2018 einen Sperrzaun fertig gestellt haben. | Bildquelle: dpa

Ukraine errichtet Sperrzaun Ein Schutzwall gegen Russland

Stand: 08.08.2015 01:56 Uhr

Ursprünglich sollte es eine echte Mauer werden, ein 3000 Kilometer langer steinerner Schutzwall gegen Russland. Inzwischen spricht die ukrainische Regierung nur noch von einem Sperrzaun, 2018 soll alles fertig sein.

Von Jan Pallokat, ARD-Hörfunkstudio Warschau, zzt. Tschernigiw

Knapp 200 Kilometer nordöstlich von Kiew, da, wo die Ukraine, Russland und Weißrussland aufeinanderstoßen, im Niemandsland des Dreiländerecks, haben sie früher immer gefeiert - unter einem Denkmal, das die slawische Freundschaft beschwört. Immer am letzten Sonntag im Juni trafen sich Menschen aus Russland, Weißrussland und der Ukraine zum "Festival der Völkerfreundschaft".

Damit aber ist es seit zwei Jahren vorbei. Seit die Schwestern Ukraine und Russland aneinander gerieten, ist an ein Musikfestival im Grenzstreifen nicht mehr zu denken, sagt Sergej Sapunow, Offizier der ukrainischen Grenztruppen. "Das Festival brachte uns zusammen, jetzt ist es damit vorbei."

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Etwa 3000 Kilometer lang ist die Grenze zwischen der Ukraine und Russland.

Denn am Ort der slawischen Verständigung sind jetzt Gräben aufgerissen worden zwischen den Staaten, und zwar buchstäblich: Zwei Meter tief ist der Graben, den die Ukrainer auf ihrer Seite der Grenze schon ausgehoben haben, die ersten zwei Kilometer sind bereits fertig, die ersten zwei von fast 3000. Entlang der gesamten Grenze zur Ukraine soll er sich bis 2018 ziehen.

Baustellenbesichtigung mit Offizier Sapunow. "Zuerst kommt der zwei Meter tiefe Panzergraben, dann ein entsprechender Sandwall, zwei Meter hoch. Dann eine Straße für Grenztruppen und Technik. Dahinter ein Kontrollstreifen, geharkte Fläche, mindestens sechs Meter breit. Dann der Sperrzaun mit Stacheldraht oben drauf. Hinzu kommen Wachtürme von 17 bis 20 Meter Höhe sowie Sensoren und Überwachungskameras", berichtet Sapunow.

Abgespeckte Variante

"Stena", die Mauer, heißt das Gesamtprojekt. Denn im vergangenen Sommer meinte die Regierung in Kiew noch, eine echte Mauer entlang der russischen Grenze bauen zu können. Doch das Projekt wurde inzwischen abgespeckt, vier statt acht Milliarden ukrainische Griwna sind noch veranschlagt, umgerechnet 160 Millionen Euro. Das ist immer noch viel Geld für ein Land am Rande der Staatspleite.

Ministerpräsident Jazeniuk an der Sperrzaun-Baustelle | Bildquelle: dpa
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Ministerpräsident Jazeniuk Ende Mai bei einem Besuch an der Sperrzaun-Baustelle.

Neben Stacheldraht und Wall gehören auch Schützengräben und Bunker an neuralgischen Punkten dazu. Man sieht kleine Öffnungen im Hügel, die den Grenzsoldaten im Falle des Falles als Schießscharten dienen sollen. Im Inneren gibt es dicke Holzverkleidungen. "Diese Abdeckungen hier erlauben auch heftigen Beschuss zu überstehen. Und das hier sind Abstellplätze für Schusswaffen und Sitzplätze", zeigt Offizier Sapunow. Auch Gaslampen, Feuerlöscher und Wasser und Lebensmittelreserven seien vorgesehen, denn hier sollen sich nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten verstecken können.

Keine russischen Panzer zu sehen

So ungefähr vor anderthalb Jahren im letzten März, als die Kämpfe im Osten begannen, seien da drüben auf Seiten der Russischen Förderation ein Panzerbataillon und weitere Truppen aufgezogen, erinnert sich Sapunow. "Damals begannen wir, unsere Deckungen hier auszubauen, denn es gab die reale Gefahr eines Überfalls." Und heute? Panzer sieht man nicht mehr auf der russischen Seite, nur den Wald und einen Fernsehturm dahinter, ansonsten ist es still.

Ukrainische Fachleute diskutieren praktisch täglich, was der nächste Schritt des russischen Präsidenten Wladimir Putin sein könnte, aber jeder spekuliert für sich allein. Auch die Grenzer wissen nichts. Seit Monaten haben sie keine Kontakte mehr zu ihren russischen Kollegen. Früher kooperierten sie eng miteinander, denn die Region Tschernigiw im Norden der Ukraine spricht russisch, auch die ukrainischen Grenzer unter sich, es gibt viele verwandtschaftliche Bande über die drei Grenzen hinweg. Und das Festival der Völkerfreundschaft im Grenzgebiet? Wird es jemals wieder stattfinden können, wenn sich die Dinge einmal klären und beruhigen? "Die Leute würden wohl gern die Tradition fortsetzen", meint Sapunow. Sie wären bereit, ihre Brüder, Schwestern, Verwandten zu sehen. Aber das alles hängt nicht von uns ab."

Die neue "Mauer" ist ein Wall - Ukraine verbarrikadiert Russland-Grenze
J. Pallokat, ARD Warschau
07.08.2015 14:25 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 07. August 2015 um 05:16 Uhr im Deutschlandfunk.

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