Orthodoxe in der Ukraine Der Krieg spaltet auch die Kirche

Stand: 30.08.2014 02:09 Uhr

Spannungen gab es zwischen der ukrainischen und der russischen orthodoxen Kirche schon immer. Doch der Krieg in der Ostukraine schürt den Konflikt. Besonders zu spüren ist dies auf der Krim, wo ukrainische Orthodoxe angegriffen werden.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Hörfunkstudio Warschau, zurzeit in Kiew

Pater Ivan hat alles mit der Kamera seines Mobiltelefons aufgenommen. Er wollte gerade aus dem Auto aussteigen, um in die Kirche zu gehen. Ein paar "Schäfchen" seiner kleinen Glaubensgemeinde in der Nähe von Sewastopol auf der Krim warteten schon auf ihn. Doch eine aufgebrachte Gruppe älterer Frauen und Kosaken versperrte dem Pater und dessen Anhängern den Zutritt. "Sie sollen sich zum Teufel scheren", kreischte ein betagtes Mütterchen, "zurück zum Maidan in Kiew".

Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten: "Eine schwangere Frau aus Sewastopol wurde geschubst und am Bein verletzt. Eigentlich wurden alle Besucher meiner Kirche verletzt - in ihrem Glauben. Die Liturgie fand natürlich nicht statt. Das ist besonders schade, weil an dem Tag viele kranke und behinderte Kinder die Kommunion empfangen sollten. Das ist eine große Tragödie für alle, die unserer Kirche nahe stehen."

Als Faschist bezichtigt

Eine Frau hält in Kiew ein Plakat mit dem Satz: "Das Moskauer Patriachat ist ein Fluch für die Ukraine." | Bildquelle: dpa
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Eine Frau hält in Kiew ein Plakat mit dem Satz: "Das Moskauer Patriachat ist ein Fluch für die Ukraine."

Vater Ivans orthodoxe Dorfkirche gehört zum Kiewer Patriarchat. Nachdem die Ukraine 1991 unabhängig von Russland wurde, spaltete sich auch die Kirche des Landes. Seitdem unterstehen rund zehn Millionen Gläubige dem Kiewer und noch mal genauso viele dem Moskauer Oberhirten. Spannungen gab es zwischen den beiden Lagern schon immer. Aber jetzt, so Vater Ivan, gelte er unter den Moskau-treuen Bewohnern auf der von Russland annektierten Halbinsel als Feind und Faschist.

"Sie sagen, dass ich dem Rechten Sektor angehöre, schreien, dass ich ein US-Agent bin. Ich habe sogar gehört, dass ich die Gedanken der Soldaten lesen kann und diese dann ans Ausland verrate."

Eine Spaltung durch das ganze Volk

Der Kiewer Patriarch Filaret hatte die Demonstranten auf dem Maidan in ihrem Kampf gegen das System Janukowitsch unterstützt. Auf der Flucht vor der Polizei fanden viele junge Leute sogar Schutz in Kiewer Kathedralen.

Filarets "Gegenspieler" Kyrill hingegen gilt als treuer Freund Putins. Die Kluft zwischen den beiden Kirchen ist angesichts der Kämpfe im Osten der Ukraine nicht kleiner geworden. "Sie verstehen nicht, wem sie dienen", sagt Filaret. Man muss dem eigenen Volk dienen und unabhängig vom Staat sein. Die Feinde wollen die Spaltung ausnutzen. Und diese Spaltung betrifft nicht nur die Kirche, sondern das ganze Volk.

Die Wiege der Orthodoxie

Onufri, Chef des ukrainischen Arms des Moskauer Patriarchats | Bildquelle: AP
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Onufri, Chef des ukrainischen Arms des Moskauer Patriarchats

Kiew ist die Wiege der Orthodoxie in Russland. Hier ließ sich Großfürst Wladimir der Erste 988 im Dnepro taufen. Dieser Moment gilt als Geburtsstunde des russischen Reiches. Nach dem Zerfall der Sowjetunion verlor das Moskauer Patriarchat die Hälfte seiner Gläubigen und vor allem auch seiner Kirchen und Besitztümer. Sie befinden sich nämlich auf dem Territorium der heutigen Ukraine.

"Wir sind auch für eine Vereinigung, aber wir haben unsere eigenen Prinzipien, unseren eigenen heiligen Kanon. Andere Regeln lassen wir nicht gelten. Wir werden uns natürlich mit unseren orthodoxen Brüdern unterhalten, werden nach Wegen suchen. Ich glaube, der Herrgott wird uns dabei helfen", sagt Metropolit Onufri.

Offiziell sind beide Kirchen neutral, beide Patriarchen rufen immer wieder zum Frieden und zur Versöhnung auf, doch sollte sich das Land weiter spalten, werden auch die beiden orthodoxen Kirchen nicht zueinander finden.

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