Das Kernkraftwerk Tschernobyl 2006, 20 Jahre nach der Katastrophe.

Die andere Gefahr im Tschernobyl-Land Wie sicher sind die AKW in der Ukraine?

Stand: 14.11.2016 16:21 Uhr

Energiesicherheit in der Ukraine? Bei dieser Frage dreht es sich meist ums Gas. Dabei stellen die Hälfte des Stroms die 15 Atomkraftwerke im Land bereit, in dem sich die weltweit größte Atomruine Tschernobyl befindet. Angesichts der Eskalation in der Ostukraine gibt es Sorgen um die Sicherheit der AKW.

Von Jürgen Döschner, WDR

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen
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Bestätigte, dass zivile Experten der NATO die ukrainischen Kräfte unterstützen: NATO-Generalsekretär Rasmussen

Die Sensation kam eher beiläufig ans Licht und blieb von der Öffentlichkeit bislang weitgehend unbeachtet: Die ukrainische Regierung hat die NATO um Beistand gebeten, und die NATO hat diesem Wunsch entsprochen - dem Wunsch um Hilfe bei der Sicherung der 15 noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke des Landes.

Gegen Ende der Frage-und-Antwort-Runde seiner Pressekonferenz am 19. Mai sagte NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen auf Nachfrage eines Journalisten: "Ja, wir haben auf Bitten der Ukraine eine kleine Gruppe ziviler Experten in die Ukraine entsandt, um den Behörden zu helfen, die Sicherheit ihrer zivilen Nuklearanlagen zu verstärken."

Arseni Jazenjuk
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Wollte die Armee zur Sicherung der AKW einsetzen: Übergangspremier Jazenjuk

Schon im März hatte das Parlament in Kiew um internationale Unterstützung bei der Sicherung der ukrainischen Atomkraftwerke gebeten. In einem Brief an den Generalsekretär der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) warnte Kiew vor "illegalen bewaffneten Aktionen russischer Truppen auf dem Gebiet der Ukraine" und den "möglichen Auswirkungen auf die Atomenergie-Infrastruktur". Übergangspremier Arseni Jazenjuk kündigte damals den Einsatz der Armee zur Sicherung der Atomkraftwerke an.

Tschernobyl - Altlast und Mahnmal

Mit der Reaktor-Ruine von Tschernobyl hat die Ukraine das wohl berühmteste Mahnmal für die Risiken der Atomkraft im eigenen Land und stets vor Augen. Dass nach dieser Katastrophe nur die drei Nachbarreaktoren, Tschernobyl 1 bis 3, vom Netz genommen wurden, gehört zu den Eigenarten des Umgangs mit der Atomkraft in dieser Region.

Schon altersbedingt ein hohes Risiko

Derzeit sind in der Ukraine insgesamt 15 AKW an vier Standorten (Chmelnytzkyi/Westukraine; Saporischschja/Ostukraine; Yuschnoukrajinsk/Südukraine;  Riwne/Westukraine) in Betrieb und decken rund die Hälfte des Strombedarfs des Landes. Die Meiler sind durchweg russischer Bauart (WWER-1000/320) und mit 25 bis 30 Jahren nach Ansicht beispielsweise der Umweltorganisation Greenpeace schon allein durch ihr Alter ein großes Risiko.

Die einst in Stendal (Sachsen-Anhalt) noch von der damaligen DDR begonnenen AKW gleichen Typs wurden wegen erheblicher Sicherheitsbedenken nicht zu Ende gebaut und abgerissen. In einer öffentlichen Anhörung des Bundestages zur Reaktorsicherheit am 19. März 2014 berichtete der russische Atomexperte Wladimir Kuznetsow von "massiven Sicherheitslücken" in den ukrainischen Atomkraftwerken.

Risiken auf verschiedenen Ebenen

Die Warnungen und Hilferufe der ukrainischen Regierung sind keine Panikmache. Und die schnelle Reaktion etwa der NATO zeigt, dass dies auch im Ausland so gesehen wird. Denn wenn schon im "Normalfall" die Atomreaktoren der Ukraine ein Sicherheitsrisiko darstellen, dann erst recht und in noch viel größerem Maße in Zeiten von Unruhen, innerer und äußerer Destabilisierung bis hin zu Krieg und Bürgerkrieg.

Es müssen nicht unbedingt gezielte Angriffe auf Nuklearanlagen sein, die übrigens niemandem zugetraut und deshalb auch nicht als wahrscheinlich angenommen werden. Doch Atomkraftwerke sind in vielerlei Hinsicht äußerst sensibel.

Wie das Beispiel Fukushima gezeigt hat, kann z.B. schon eine (unbeabsichtigte) länger andauernde Unterbrechung der Stromversorgung (der so genannte "Station Blackout") zu einem Super-GAU führen. Auch kann es in Krisenzeiten wie diesen dazu kommen, dass nicht jederzeit genügend und ausreichend qualifiziertes Personal in den Kraftwerken ist. Ein großer Teil der besonders hoch qualifizierten Experten in ukrainischen Atomkraftwerken kommt nach wie vor aus Russland.

Und schließlich gilt es auch, radioaktives Material während des Transports bzw. in den vorhandenen Lagern vor unbefugtem Zugriff zu sichern - von frischen und abgebrannten Brennelementen bis hin zum Erbe aus der Zeit, als die Ukraine mit 1900 nuklearen Sprengköpfen über das weltweit drittgrößte Atomwaffen-Arsenal verfügte. Die IAEA jedenfalls hat derzeit insgesamt 31 Nuklearanlagen, die sie in der Ukraine überwacht und das sind 31 unkalkulierbare Risiken.

Abkehr von Russland bringt neue Probleme

Der ukrainische Nuklearsektor - ob zivil oder militärisch - wurde von Russland aufgebaut und ist bis heute eng mit Russland verflochten. So ist Moskau nach wie vor der wichtigste Lieferant für die Brennelemente der 15 ukrainischen Atomkraftwerke.

Der Versuch Kiews, sich aus dieser Abhängigkeit zumindest teilweise zu befreien, hat allerdings keine Probleme gelöst, sondern sogar neue geschaffen. Bereits 2010 hatte man mit der US-Firma Westinghouse vereinbart, zumindest einen Teil der Brennelemente künftig von dort zu beziehen. Der Vertrag wurde erst kürzlich bis 2020 verlängert.

Firmenzentrale von Westinghouse in Cranberry
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Die Firmenzentrale von Westinghouse in Cranberry

Allerdings gibt es erhebliche Sicherheitsbedenken. Russische und westliche Brennelemente unterscheiden sich in Form, Zusammensetzung und Material. 2012 soll es einen schweren Zwischenfall in einem ukrainischen AKW gegeben haben, weil sich Westinghouse-Brennstäbe verbogen haben. Im Notfall hätten dann Steuerstäbe keine Schnellabschaltung herbeiführen können. Doch Westinghouse dementiert, schuld seien fehlerhafte russische Brennstäbe gewesen. Das übliche Geplänkel um Marktanteile - immerhin geht es um jährlich 600 Millionen Dollar Umsatz - oder ein politisch motiviertes "Spiel" auf Kosten der Sicherheit?

Energiesicherheit - eine Aufgabe für viele

Klar ist: Wenn wir in Europa über Energiesicherheit im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise reden, dann sollten wir nicht nur an unsere warmen Stuben, unsere Versorgung mit Erdgas denken. Zur Energiesicherheit gehört in diesem Fall vor allem die Sorge um die Sicherheit der Atomkraftwerke in der Ukraine - angefangen bei der Sicherung der Reaktorruine von Tschernobyl, über die Sicherung und möglichst baldige Abschaltung der noch laufenden 15 Atomkraftwerke bis hin zum Schutz radioaktiver Materialien vor unbefugtem Zugriff.

Ob diese Aufgaben allein der NATO und der Firma Westinghouse überlassen werden sollten, darf bezweifelt werden.

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