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Tunesien-Serie - Teil 5: Die Frauen und die Revolution
"Das ist mein 'Way of Life' - den werde ich nicht ändern"
Vor der Revolution hatten Frauen in Tunesien mehr Rechte als in jedem anderen arabischen Land. Zu Beginn der Revolution zählten sie zu den ersten, die auf die Straße gingen. Und nach der Revolution? Unter der neuen Regierung könnten sie die Verlierer sein. Doch es gibt auch positive Signale.
Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Rabat
Wahlrecht für Frauen noch vor der Schweiz, die Pille noch vor Frankreich: Bevor Tunesien zum Mutterland des arabischen Frühlings wurde, war es bereits Musterland für Frauenrechte in der muslimisch-arabischen Welt. Seit 1956 ist Polygamie hier verboten, Frauen haben seit damals gleiche Rechte bei der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt, sie dürfen sich scheiden lassen und können nicht zwangsverheiratet werden.
"Dass Frauen sichtbar sind, ist Teil der Kultur geworden"
Für die Rechtsanwältin und Aktivistin Radhia Nasraoui ist dieser lange, beständige Kampf der tunesischen Frauen für ihre Rechte gar nicht hoch genug einzuschätzen. Denn ohne starke, mutige, selbstbewusste Frauen sei die Jasmin-Revolution undenkbar gewesen. "Ich sehe viele Frauen in Tunesien, die das verteidigen, was wir erreicht haben", sagt Nasraoui. Es sei ein Teil der Kultur geworden, der Identität. Dass Frauen sichtbar seien, in der Gesellschaft, dass sie sich zu Wort meldeten, sich politisch engagierten, sei etwas Normales geworden. "Und das ist wunderbar", ergänzt sie. "Es gibt auch Frauen, die in der Wirtschaft Erfolg haben. Ich kann nicht verstehen, wie einige Leute das wieder in Frage stellen können."
Heute gibt es in Tunesien eine Frauenquote, Frauen sitzen im Übergangsparlament. Aber damit allein sei noch nichts gewonnen, meint Sihem Bensedrine, eine Journalistin, die wie Radhia Nasraoui unter Ben Ali mehrfach inhaftiert wurde. Gut eineinhalb Jahre nach dem Umsturz fürchten viele Tunesierinnen, dass ihre Rechte wieder eingeschränkt werden.
Tunesiens Frauen nach der Revolution
A. Göbel, HR Rabat
13.07.2012 15:31 Uhr
"Es ist die Zivilgesellschaft, die sich organisieren muss"
Von den Islamisten, sagt Bensedrine, kämen widersprüchliche Signale. "Die Regierung wird von Ennahda-Partei dominiert - es ist eine konservative Regierung. Und von ihr erwarte ich nicht, dass sie in Sachen Modernität viel bewegt. Es ist die Zivilgesellschaft, die sich organisieren, die Druck machen muss, denn es geht nicht nur um die eine oder andere politische Reform - es geht um das Erbe der Revolution!"
Für die tunesischen Frauen geht es derzeit vor allem um die Frage, ob die künftige Verfassung Bezug auf die Scharia nehmen wird und ob damit Frauenrechte unter Vorbehalt gestellt werden. Ein gutes Zeichen kommt vom Gründungskomitee von Ennahda. Der erste Satz der Verfassung soll offenbar so bleiben, wie er seit Jahrzehnten lautet: Tunesien sei ein freier, unabhängiger und souveräner Staat. Seine Religion sei der Islam, seine Sprache das Arabische.
"Meine Freiheit ist im Einklang mit dem Islam"
Dies lasse genug Platz für Freiheiten, findet die Bloggerin Yamina. Sie ist 29 und arbeitet in Tunis für einen Fernsehsender. Dass seit der Revolution mehr Frauen Kopftücher tragen, sei überhaupt kein Problem und sogar nachvollziehbar: Schließlich seien Kopftücher unter Ben Ali verboten gewesen.
Yamina geht es nur darum, dass Religion künftig Privatsache bleiben soll. Sie glaubt fest daran, dass Islam und Demokratie in Tunesien vereinbar sind. Und dass auch sie sich in einem neuen, modernen Staat wiederfinden wird: Yamina macht kein Geheimnis daraus, dass sie auf Frauen steht. "Ich glaube nicht, dass es einen Widerspruch gibt zwischen dem Ausleben individueller Freiheiten und dem Islam. Homosexualität hat grundsätzlich nichts mit dem Glauben an einen Gott zu tun. Aber meine Freiheit ist im Einklang mit dem Islam, gerade weil seine Grundlage der Respekt ist."
Yamina steht für Tunesiens dritten Weg: Er bedeutet für sie, als Frau so leben zu können, wie sie es will. Als Individuum - und als Teil der neuen tunesischen Gesellschaft. "Das ist mein 'Way of Life' - den werde ich nicht ändern. Ich lebe weiter wie bisher. Das ist meine Art, Widerstand zu leisten gegen alle Versuche, mich einzuschränken. Nur dann kann man verstehen, was Rechte sind: indem man sie lebt - und dann auch verteidigt."
Stand: 13.07.2012 17:10 Uhr
