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Tunesien-Serie - Teil 3: Die Touristen sind zurück
Sonne, Strand und bange Hoffnung
Im Jahr nach der Revolution füllen sich die Strände Tunesiens wieder. Trotzdem geht bei Hoteliers die Angst um: Ausgangssperren und salafistische Angriffe sorgen für negative Schlagzeilen. Das Hauptproblem der für das Land so wichtigen Branche sehen manche Experten aber ganz woanders.
Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Rabat
Demonstrationen sind Alltag auf der Avenue Bourguiba in Tunis. Aber diesmal sind es Tunesiens Reiseveranstalter, die wütend vor das Innenministerium gezogen sind. "Ne touche pas à mon touriste!" ist auf einem der Banner zu lesen - "Hände weg von den Touristen!".
199 Euro für eine Woche Djerba hat nicht viel geholfen
Tunesiens Urlaubswirtschaft hat Angst um die Früchte ihrer Arbeit. Ob Unruhen, Streiks oder Ausgangssperren: Das Land komme einfach nicht zur Ruhe - und das sei Gift für den Tourismus. "Wir sind hier, um Alarm zu schlagen", sagt Jalel Gasmi, Besitzer eines Reisebüros. "Wir wollen Sicherheit. Wir haben alles dafür getan, dass der Tourismus sich erholt, wir haben unsere Kunden überzeugt, wieder hier her zu kommen, und jetzt verlangen wir vom Innenminister, dass er seine verdammte Arbeit macht!" Und noch etwas fügt Gasmi an: "Wir danken besonders den deutschen Urlaubern, die uns nie im Stich gelassen haben und die nun auch wiederkommen, es sind fast so viele wie zur Zeit von Ben Ali."
Ein wenig Balsam für die Tourismusindustrie, von der mehr als zwei der zehn Millionen Tunesier leben. Dass vergangenes Jahr fast 40 Prozent der Urlauber einen Bogen um Tunesien gemacht haben, hat die Branche bitter zu spüren bekommen. Dass es zwischenzeitlich Ramsch-Angebote gab und eine Woche auf Djerba für 199 Euro zu haben war, hat nicht viel geholfen.
Sonne, Strand und bange Hoffnung - Tunesiens Tourismus
A. Göbel, ARD Rabat
10.07.2012 20:48 Uhr
Eine Empfehlung vom Reisebüro für Hammamet
Langsam kommt das Ferienland Tunesien wieder auf die Beine. Der politische Fortschritt zahlt sich aus, und sei er auch noch so schleppend. Bernd Rieck aus Baden-Württemberg sitzt am Strand von Hammamet und baut eine Sandburg mit seinem Kleinsten. Eine Woche Sonne pauschal - Bräunen auf demokratische Art.
Tunesien hat ihn überzeugt. "Ich hab‘ eine Auswahl gehabt zwischen Türkei, Griechenland, Spanien und Tunesien, und ich hab mir eine Empfehlung geben lassen vom Reisebüro", erzählt der deutsche Urlauber. "Es hat auch noch eine Rolle gespielt, dass ich gesagt habe, ich will Meerwasser haben, wo man auch drin baden kann. Und mein Großer ist gerade hier drin!"
"All Inclusive" läuft, der Handel in der Altstadt nicht
Die Touristen kommen zurück - auch weil die Islamisten der Regierungspartei Ennahda wissen, wie wichtig die Urlauber sind: Alkohol und Bikinis bleiben selbstverständlich erlaubt. Doch die meisten Feriengäste verstecken sich in den Bettenburgen am Strand - und zwar "All Inclusive". Darunter leiden die Restaurants, aber auch die Souvenirhändler und die Handwerker in der Medina von Hammamet.
Larbi Riad ist sicher: Auf seinem Silberschmuck bleibt er in diesem Sommer sitzen. "Es ist ein bisschen besser geworden, aber noch lange nicht so, dass ich zufrieden wäre", erzählt der Händler. Die Urlauber hätten immer noch Angst und würden ihre Hotelanlagen nicht verlassen, um hier etwas zu kaufen. "Die Touristen sollten sich aber keine Sorgen machen", meint Riad. "Die Tunesier sind gastfreundlich und freuen sich auf alle Nationen, so wie immer. Es gibt überhaupt keine Probleme."
"Diese Krise hat mit der Revolution nichts zu tun"
Nur verhalten kann sich Mouna Ben Halima über Tunesiens Mini-Comeback freuen. Die Hotelmanagerin aus Hammamet kennt den wahren Kern des Problems. Von Anfang an, seit den 60er-Jahren, habe Tunesien sich nur auf Massentourismus ausgerichtet und sei austauschbar geworden. "Heute gibt man der Revolution die Schuld an der Tourismus-Krise in Tunesien. Aber diese Krise hat mit der Revolution nichts zu tun", meint sie. "Wir müssen dieses Tief nutzen, um das Produkt Tunesien zu erweitern und zeigen, was wir haben: unsere Natur, die Berge, die Wüste, die kleinen Hotels auf dem Land, Wein, Käse, und so weiter."
Und dann fügt die Hotelmanagerin noch an: "Wenn dieser Einbruch des Tourismus bedeutet, dass ein paar Hotelanlagen pleite gehen, dann ist das vielleicht gar nicht so verkehrt. Es wäre ein heilsamer Schock, eine Verschlankung. Es braucht viel Mut auf der Seite des Tourismusministeriums, um das abzufedern. Aber am Ende könnten wir sogar die Gewinner sein."
Die Krise als Chance: Dafür braucht das Land Investoren - und wie die Touristen kommen die kommen nur, wenn Tunesien politisch stabil ist. Bis dahin werden Tunesiens Urlaubsprofis auf die Straße gehen und demonstrieren: "Hände weg von meinen Touristen!"
Stand: 11.07.2012 00:50 Uhr
