Tunesische Demonstranten in Tunis (Bildquelle: AFP)

Demonstrationen in Tunesien Angst vor Ansteckung

Stand: 16.08.2013 11:58 Uhr

Die Tunesier beobachten die Eskalation in Ägypten mit Sorge. Es gibt Parallelen: Auch in Tunesien herrscht ein Machtkampf zwischen Anhängern der islamistischen Regierung und säkularer Opposition. Bislang ist es friedlich in der Hauptstadt - noch.

Von Anne Allmeling, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Es sind grausame Szenen, die über die Bildschirme in den Straßencafés flackern. Bilder aus Ägypten, wo am Mittwoch Hunderte Menschen ums Leben kamen. Die Lage in dem Land am Nil ist das Hauptgesprächsthema in Tunesiens Hauptstadt. "Ich finde das sehr, sehr traurig", sagt ein Mann, der sich Chmaiss nennt. Nicht, weil wir Araber und Muslime sind, sondern weil es hier um Menschen geht. Das alles tut mir sehr, sehr leid."

Tunesier sorgen sich um ihre Zukunft
A. Allmeling, ARD Rabat
16.08.2013 11:55 Uhr

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Die Stimmung auf den Straßen ist gedrückt. Nicht nur wegen der Lage in Ägypten. Sondern auch, weil Tunesien in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise steckt. Dass es in Tunis zu ähnlichen Szenen kommen könnte wie in Kairo, das schließen die Tunesier nicht aus.

"Das könnte passieren, aber wir hoffen es nicht", sagt ein Mann. "Die Menschen in Tunis sind vernünftiger. Um meine Kinder habe ich Angst. Aber um mich selbst nicht."

Tausende Tunesier wollen den Rücktritt der Regierung

Schon seit Monaten liefern sich säkulare Gruppen einen Machtkampf mit den Islamisten, die die tunesische Regierung dominieren. In den vergangenen Wochen hat der Druck zugenommen. Erst ermutigte der Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohamed Mursi die tunesische Opposition. Dann wurde der Oppositionspolitiker Mohamed Brahmi ermordet, vermutlich von radikalen Islamisten. Die Regierungsgegner machen für den Mord aber auch die islamistische Ennahda-Partei verantwortlich.

Proteste in Tunesien (Bildquelle: AFP)
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Zehntausende Regierungsgegner demonstrieren auf der Straße

Erst in dieser Woche haben wieder Tausende Tunesier gegen die Regierung demonstriert und den Rücktritt der politischen Führung gefordert. Doch Rasched Ghannouchi, der einflussreiche Ennahda-Chef, will nicht noch mehr Macht einbüßen. Eine neue Regierung aus Experten, wie die Opposition sie fordert, kommt für ihn nicht in Frage. "Die Ennahda-Bewegung lehnt eine Regierung zur nationalen Rettung ab", sagt er. "Das würde Tunesien ins Chaos stürzen und eine demokratische Entscheidung zunichte machen. Eine Experten-Regierung wäre keine angemessene Antwort auf das, was Tunesien jetzt braucht."

"Wir Araber wollen unbedingt regieren"

Mangelnde Sicherheit, weit verbreitete Armut und Arbeitslosigkeit gehören zu den drängendsten Problemen des Landes. Wie Ennahda dagegen vorgehen will, verrät Ghannouchi nicht. Trotzdem genießt er das Vertrauen vieler Tunesier. "Die Tunesier unterscheiden sich von den Ägyptern", sagt ein Mann. "Und Ghannouchi ist nicht Mursi." 

Tatsächlich geht es im Vergleich zu Ägypten zurzeit sehr friedlich in Tunesien zu. Das Land ist nicht von Gewalt geprägt, sondern von Stillstand. Seit der Präsident der Verfassunggebenden Versammlung Mustapha Ben Jaafar die Arbeit des Gremiums vorübergehend ausgesetzt hat, liegt der Demokratisierungsprozess in Tunesien auf Eis. Ben Jaafar will, dass Regierung und Opposition wieder miteinander reden. Doch die beiden Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber. "Wir Araber haben eine Krankheit", sagt Chmaiss. "Die heißt: unbedingt regieren wollen."

Dieser Beitrag lief am 16. August 2013 um 14:38 Uhr auf NDR Info.

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