Nach dem Mord an einem Oppositionellen gehen in Tunesien Tausende Menschen auf die Straße. (Bildquelle: dpa)

Erneut Oppositioneller in Tunesien erschossen Mord treibt Tausende auf die Straße

Stand: 26.07.2013 12:06 Uhr

In Tunesien haben Tausende Menschen gegen die Ermordung des Oppositionspolitikers Mohamed Brahmi demonstriert. Sie versammelten sich vor dem Innenministerium in der Hauptstadt Tunis. Sicherheitskräfte schritten zum Teil mit Tränengas gegen aufgebrachte Demonstranten ein.

Auch in Sidi Bouzid im Süden des Landes, wo die Revolution 2011 ihren Anfang nahm, gingen Menschen auf die Straße. Sie hätten Reifen in Brand gesetzt, berichtete ein Einwohner. "Die Leute sind außer sich." Zeugen berichteten zudem, dass zwei Büros der regierenden Ennahda-Partei angezündet worden seien.

Der tunesische Präsident rief einen nationalen Trauertag aus. Anlässlich der Beisetzung des linken Abgeordneten sollten die Flaggen auf Halbmast gesetzt werden, erklärte das Büro von Staatspräsident Moncef Marzouki. Die wichtigste Gewerkschaft UGTT rief zu einem Generalstreik auf. Alle Flüge von und nach Tunesien sollen ausfallen, hieß es. Für den Nachmittag werden erneut Massenproteste erwartet.

Tunesien: Trauer und Wut nach Mord an Brahmi
A. Allmeling, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika
26.07.2013 04:48 Uhr

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Vor den Augen der Ehefrau erschossen

Der Parlamentsabgeordnete und Vorsitzende der "Volksbewegung", einer kleinen linksgerichteten Partei, war am Donnerstag vor den Augen seiner Frau vor seinem Haus erschossen worden. Bei den Tätern soll es sich um zwei Männer gehandelt haben, die anschließend mit dem Motorrad flüchteten.

Der Zeitpunkt des Mordes - der Gedenktag zur Republikgründung im Jahr 1957 - legt Vermutungen nahe, dass radikalislamische Kräfte hinter der Tat stecken. "Die Nachricht ist klar: Die Täter sind gegen den Staat und die Werte der Republik", sagte Chérif Khyari von der Parteienkoalition Front Populaire.

Demonstrationen nach Ermordung des Oppositionspolitikers Brahmi
tagesschau 12:00 Uhr, 26.07.2013, Matthias Ebert, SWR

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Tat im Februar hatte Spannungen eskalieren lassen

Erst im Februar war in Tunesien der Oppositionspolitiker Chokri Belaïd von islamistischen Extremisten ermordet worden. Im Anschluss eskalierten seit Längerem anhaltende Spannungen im Ursprungsland des Arabischen Frühlings und es kam zu Massenprotesten.

Die islamistische Regierungspartei Ennahda stimmte deswegen einer Kabinettsneubildung zu. Die Partei hatte 2011 die erste Wahl nach dem Sturz von Langzeitherrscher Zine el Abidine Ben Ali klar gewonnen. Sie bildet seitdem mit der Mitte-Links-Partei CPR und der sozialdemokratischen Ettakatol eine Koalition.

"Wir verurteilen dieses abscheuliche Verbrechen aufs Schärfste", kommentierte die Ennahda die erneute Bluttat. Der Mord sei nicht nur ein Angriff auf Brahmi, sondern auf den gesamten demokratischen Übergangsprozess. Die Verfassungsgebende Versammlung in Tunesien will in Kürze ihre Arbeit an einer neuen Verfassung abschließen. Im Anschluss soll es Neuwahlen geben.

Deutschland und Frankreich verurteilen die Tat

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, die EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton und Frankreichs Präsident François Hollande verurteilten den Mord an Brahmi. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich erschüttert über die "feige politische Gewalttat". "Die Verantwortlichen müssen zügig ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden", ließ Merkel mitteilen. Die Bundesregierung appellierte an alle Aktuere in Tunesien, Besonnenheit zu wahren.

Nach dem Mord an einem tunesischen Oppositionellen protestieren Angehörige vor einem Krankenhaus in Tunis. (Bildquelle: dpa)
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Nach dem Mord an einem tunesischen Oppositionellen protestieren Angehörige vor einem Krankenhaus in Tunis.

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