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Aufruhr der Regierungsgegner in Tunesien
"Wir vertrauen nicht mal uns selbst"
Armut und Arbeitslosigkeit schüren die Wut vieler Tunesier auf ihre Regierung. Ob Premier Dschebali diese Woche das Kabinett austauschen kann, ist wegen des Widerstands seiner Partei ungewiss. Gegner der Regierung demonstrieren lautstark und fühlen sich bedroht.
Von Marc Dugge, ARD-Hörfunkstudio Rabat
"Wer Armut sät, wird Wut ernten" - so steht es auf einem kleinen Plakat, dass sich Ahmed Chaffai an seinen Büroschrank gehängt hat. Chaffai weiß ziemlich gut, wie wütend die Menschen hier sind. Chaffai ist stellvertretender Generalsekretär der einflussreichen Gewerkschaft UGTT in Siliana, einer Bezirksstadt gut 120 Kilometer südwestlich von Tunis.
Nicht nur einmal hat er Morddrohungen bekommen. "Diese Leute wollen ein Klima der Angst schaffen", sagt er. "Einige werden auch zur Tat schreiten. Aber diese Drohungen treiben uns nur noch mehr an. Wenn wir unser Blut vergießen müssen, damit unser Land frei wird, dann ist das eben so."
Die Wut der Provinz
M. Dugge, ARD Rabat
11.02.2013 00:55 Uhr
Blutvergießen bei Protest der Regierungsgegner
Es wurde schon viel Blut vergossen in Siliana. Vor zwei Monaten gingen hier vor allem junge Männer auf die Straße, um gegen die Regierung zu protestieren. Sie warfen Steine auf die Polizisten, diese antworteten mit Schrotkugeln. Mindestens 300 Menschen wurden verletzt, einige Demonstranten wurden an den Augen getroffen - und erblindeten.
Geändert hat sich hier seitdem nicht viel. Immerhin: Der alte Provinzgouverneur musste gehen. Mit dem neuen laufe es besser, sagt Chaffai, er nehme die Sorgen und Nöte der Menschen ernst. Aber die Sorgen und Nöte, die bleiben eben. Gegen sie kann ein Provinzgouverneur nicht viel ausrichten.
"Wir vertrauen niemandem mehr"
Ortswechsel: Im Café an der Hauptstraße läuft Fußball. Auf den Plastikstühlen auf der Terrasse sitzen Nabil und seine Freunde, trinken Café Noir, rauchen, reden. Die Studenten hoffen, dass es bald einmal aufwärts geht in Siliana, wo die meisten Einwohner ohne Arbeit sind. "Wir brauchen jetzt eine Lösung, wir wollen nicht fünf, sechs Jahre warten", sagen sie. "Man bekommt sein Diplom und kann nichts damit anfangen. Warum gute Noten? Sie bringen einen auch nicht weiter. Wenn man keine Perspektive hat, dann fehlt auch die Motivation. Das Problem ist: Wir vertrauen niemandem mehr, nicht mal mehr uns selbst."
Nabil und seine Freunde sind wütend auf die Regierung, weil sie bisher nichts an der hohen Arbeitslosigkeit geändert hat, an den hohen Lebenshaltungskosten, an der Korruption. Und weil sie gewaltbereite Salafisten viel zu oft gewähren ließ.
Premier droht mit Rücktritt
Es brodelt im Volk, nicht nur in Siliana. Der Ennahda-Ministerpräsident Hamadi Dschebali hat für Mitte der Woche eine neue Regierung angekündigt. Diese soll aus parteilosen Technokraten bestehen. Im französischen Fernsehsender France24 sagte er, wenn er dann keine politische Zustimmung durch die Parteien der verfassungsgebenden Versammlung erfahre, werde er eingestehen, dass er sein Versuch nicht erfolgreich war. Dann werde er zurücktreten, so Dschebali.
Auch in Siliana warten die Tunesier mit Spannung darauf, was in Tunis geschieht - ob der Ministerpräsident sich durchsetzen kann, auch gegen seine eigene Partei. Er gilt als gemäßigter Islamist und in den eigenen Reihen als isoliert. Tunesien schlittert weiter in eine ungewisse politische Zukunft. In eine Woche, an deren Ende nichts mehr so sein könnte, wie es war.
Stand: 11.02.2013 04:47 Uhr
