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Massenproteste beim Begräbnis Chokri Belaids
Tunesiens Wut am Tag der Trauer
Der Trauerzug für den ermordeten Oppositionellen Belaid wurde zu einer der größten Demonstration in der Geschichte Tunesiens: Zahlreiche Menschen waren auf der Straße; in ihre Trauer mischte sich auch Wut über die Regierung und die wirtschaftliche Misere des Landes.
Von Mathias Becker (Text) und Maria Feck (Bilder), zzt. Tunis, für tagesschau.de
Dass alles anders ist an diesem Tag, kann man im "Café Gabsi" gut beobachten. Wo sonst ausschließlich Männer an wackeligen Holztischen sitzen, drängen sich heute auch Frauen, ordern Wasser, Tee, Kaffee, zünden sich Zigaretten an. Der Generalstreik am Tag der Bestattung des ermordeten Oppositionsführers Chokri Belaid hat das Land lahmgelegt, nur wenige Läden haben geöffnet.
Und weil das "Café Gabsi" auf der Route des gigantischen Trauerzugs liegt, ist es den von Regenschauern geplagten Demonstranten zum willkommenen Versorgungsposten geworden. "Ehrlich gesagt, brauche ich auch das Geld", gibt Kamel Gabsi, 56, zu und gießt Tee in die nächste Fuhre Gläser. Auch das nimmt ihm hier niemand übel. Zwar waren es die tödlichen Schüsse auf Belaid, die die Menschenmassen auf die Straße gebracht haben. Doch an diesem Tag macht sich auch die Wut über die anhaltende wirtschaftliche Misere des Landes Luft.
Trauer und Protest bei der Beerdigung von Chokri Belaid
Die Beerdigung des tunesischen Oppositionspolitikers wurde zur Demonstration von mehr als einer Million Menschen. Maria Feck hat die Kundgebung in Tunis fotografiert.
Enttäuschte Hoffnungen
"Ich habe diese Regierung gewählt, weil sie Wohlstand und Frieden versprochen hat", sagt eine Bewohnerin des Arbeiterviertels, in dem auch der Gewerkschafter und Menschenrechtsaktivist Belaid groß geworden ist. "Den Wohlstand haben sie nicht gebracht, aber jetzt nehmen sie uns auch noch den Frieden!"
Sie ist nicht die einzige, die die Ennahda-Partei von Ministerpräsident Hamdi Dschebali für den Mord an Belaid verantwortlich macht. Auch wenn es keine Beweise für eine Verstrickung gibt - jeder kennt die Geschichten von den Angriffen und Einschüchterungen radikaler islamistischer Gruppen gegen Liberale, Gewerkschafter, Künstler im ganzen Land. Nicht konsequent verfolgt und teilweise sogar ermutigt von Ennahda, sind sie das Klima, in dem der Mord gedeihen konnte.
Tunesien trauert um getöteten Oppositionellen
tagesthemen 00:00 Uhr, 09.02.2013, Stefan Schaaf, ARD Tunis
Ein Versprechen, das nicht ausreicht
Das Versprechen Dschebalis, sein Kabinett gegen eine Technokraten-Regierung zu ersetzen, reicht den Menschen nicht. "Dschebali - Mörder!", rufen die Demonstranten, als der Pick-Up mit dem Sarg sich wie in Zeitlupe durch die Menschenmenge schiebt. Auf der Ladefläche drängen sich Verwandte Belaids, darunter seine Witwe Basma Khalfaoui, politische Freunde sowie eine handvoll Militärs, mindestens einer stets damit beschäftigt, die Galionsfigur des Wagens zu stützen: Auf dem Armaturenbrett steht - wie versteinert - Belaids siebenjährige Tochter Faizouz, die Hand zum Victoryzeichen erhoben.
Auf dem weitläufigen Platz der Märtyrer mit dem benachbarten Friedhof El Jellaz bekommen die Demonstranten ein Bild von dem, was die Helikopterpiloten über ihren Köpfen schon längst wissen. Der Trauerzug ist zur größten Demonstration angeschwollen, die Tunis je gesehen hat. "Das sind mehr Menschen als am 14. Januar 2011", sagt Afef Tlili erstaunt. Die 29-jährige Politikberaterin war dabei, als das Volk Präsident Ben Ali stürzte. Doch bei diesem Anblick kommen selbst ihr die Tränen.
Im gewaltfreien Widerstand vereint
Das tunesische Innenministerium erklärte, 1,4 Millionen Menschen seien auf der Straße gewesen - um später die Zahl auf 40.000 zu korrigieren. Beobachter gehen von etwa 100.000 Teilnehmern aus - Anwälte sind darunter, Ärzte, Studenten, Arbeiter, Geschäftsleute und selbst viele streng gläubige Muslime. Längst nicht alle Demonstranten teilen die linken, weltlichen Ansichten Belaids. Doch ihre Forderung nach einem gewaltfreien, demokratischen Tunesien hat sie heute vereint.
"Dschebali, Allah wird dich holen kommen!", droht eine Demonstrantin dem Parteichef der Islamisten. Auch die alten Parolen gegen das Ben-Ali-Regime sind zu hören: "Das Volk will das Ende des Systems!"
Mit dem Einzug des Pick-Ups auf das Gelände des Friedhofs kippt die Stimmung an den Rändern der Kundgebung. Jugendliche suchen die Auseinandersetzung mit den Ordnungskräften, parkende Wagen gehen in Flammen auf. Die Polizei antwortet mit Tränengas, dessen beißender Gestank bald schwer über dem weitläufigen Friedhof hängt. Die Mehrheit lässt sich davon nicht beeindrucken. Mit Taschentuch-Fetzen in der Nase und Tränen in den Augen tragen sie Belaids Sarg zu Grabe.
Nach der Beisetzung sind die Straßen von Tunis wie leergefegt. An den Straßenecken lungern Jugendliche herum, als würden sie auf einen Marschbefehl warten. Das Stichwort "Montplaisir", die Adresse der Ennahda-Zentrale, macht die Runde. Tunis bereitet sich auf einen langen Abend vor.
Stand: 10.02.2013 16:28 Uhr
