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Tausende protestieren in Tunesien
Jetzt kommt die richtige Revolution
Seit Tagen demonstrieren Tausende Tunesier gegen die Armut und für Arbeitsplätze. Weil die Polizei die Proteste gewaltsam niederschlug, gerät nun auch die Regierung immer stärker unter Druck. Viele Demonstranten sind empört. Zentrum der Proteste ist die Kleinstadt Siliana.
Von Stefan Ehlert, ARD-Hörfunkstudio Rabat
Mehrere Tausend Menschen stehen vor dem Sitz des Gewerkschaftsverbands von Siliana. Etwa 25.000 Einwohner hat die Kleinstadt, die zwei Autostunden südwestlich von Tunis liegt. Mehr als 6000 von ihnen sind arbeitslos. Ihre Forderung lautet: Der Gouverneur, den die Regierung im Februar ernannt hat, soll abtreten. Denn er würde eher in seine eigene Tasche wirtschaften als in die Region zu investieren.
Regierung in Tunesien erfüllt Bedingungen der Demonstranten
S. Ehlert, WDR Rabat
02.12.2012 07:19 Uhr
Rufe nach Arbeit und Entwicklung
"Wir haben ganz klare Forderungen: Arbeit und Entwicklung", sagt einer der wütenden Demonstranten. "Mit diesem Gouverneur kann man nicht verhandeln, der ist wie ein Felsbrocken, der den Weg hin zu einer besseren Entwicklung versperrt." Alt und jung, Frauen und Männer gehen seit Beginn der Woche in Siliana demonstrierend auf die Straße.
Die Jasmin-Revolution, erzählt eine Arbeiterin, habe an ihrer Situation nichts geändert. Sie sei immer noch arm und unterbezahlt. Der einzige Unterschied: Seit Ben Ali weg ist, traut sie sich, in der Öffentlichkeit darüber zu reden und auf die Straße zu gehen. "Ich verdiene 120 Dinar - umgerechnet 60 Euro - im Monat", berichtet sie. "Ich habe zwei Kinder und mein Mann ist Tagelöhner. Das reicht nicht zum Leben."
Polizeigewalt gegen Demonstranten
Teilweise gewalttätig schlug die Polizei die zunächst friedlichen Proteste nieder. Neben Tränengas schoss sie am vergangenen Mittwoch mit Schrotflinten offenbar gezielt auf die Demonstranten. Mehr als 300 Verletzte zählte das Krankenhaus in Siliana. Einige wurden so schwer an den Augen verletzt, dass sie fürchten müssen, dauerhaft zu erblinden.
Sogar in die Notaufnahme des Regionalkrankenhauses drang das Sondereinsatzkommando der Polizei ein, um Demonstranten festzunehmen. "Die Polizisten haben vor den Frauen ihre Hosen heruntergelassen", erzählt eine verletzte Demonstrantin. "Sie haben uns beschimpft und beleidigt, bevor sie uns niedergeknüppelt und geschossen haben. Schauen Sie sich mal meine Arme an."
Körper und Gesicht der Mittzwanzigerin sind von kleinen Einschusswunden übersäht, doch sie will weiterhin auf die Straße gehen, bis der Gouverneur und die Regierung abtreten. "Premierminister Hamadi Jbeli vergisst, dass er nur im Amt ist, weil wir Ben Ali verjagt haben", sagt sie. "Und jetzt verjagen wir Jbeli. Jetzt machen wir eine richtige Revolution!"
Regierung lehnt Forderungen der Demonstranten ab
Die Regierung in Tunis weigert sich bis jetzt, auf die Forderungen der Demonstranten einzugehen. Sie kündigte allerdings an, eine Kommission einzurichten, die die Übergriffe der Polizei auf die Bevölkerung untersuchen soll.
Doch das reiche nicht aus, findet Ahmed Chaffai, stellvertretender Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes von Siliana. Für ihn steht in Siliana weit mehr auf dem Spiel als nur Arbeit und Entwicklung. "Diese Regierung ist nicht demokratisch, sondern gewalttätig", sagt er. "Hier kündigt sich eine neue Diktatur an und die tunesische Bevölkerung lehnt dies kategorisch ab."
Arbeit an der Verfassung stockt
Die Regierungskoalition unter der Führung von Ennahda gerät zusehends unter Druck. Die Arbeit an der Verfassung stockt, die Arbeitslosenzahlen steigen, die Wirtschaft strauchelt und die Devisenreserven werden täglich geringer. Die Oppositionsabgeordnete Nadia Chaabane sieht die Einheit des Landes in Gefahr, wenn die Regierung nicht bald eine Lösung findet. "Ich habe immer mehr Bedenken, denn wir haben es mit Anfängern zu tun, die denken, sie haben die Wahrheit gepachtet, und die keine Fehler eingestehen können", sagt sie. "Das ist nicht konstruktiv, sondern bedroht die Einheit Tunesiens."
Stand: 30.11.2012 18:24 Uhr
