Polizisten und Rauch auf der Straße. | Bildquelle: AP

Unruhen in der Stadt Kasserine Tote und Verletzte bei Protesten in Tunesien

Stand: 21.01.2016 16:44 Uhr

Im Zentrum von Tunesien gibt es immer wieder Unruhen. In Kasserine wurden bei Protesten zwei Menschen getötet, mehrere verletzt. Die Regierung versucht, die Lage mit neuen Versprechungen zu beruhigen.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Es brodelt in Tunesien. Im Zentrum des Landes protestieren vor allem junge Menschen ohne Arbeit. In der Stadt Kasserine, nahe an der algerischen Grenze gelegen, lieferten sich Demonstranten und Polizei Straßenschlachten. Bisher gab es zwei Tote und zahlreiche Verletzte. Auch in anderen Städten des Landes nehmen der Protest gegen die Regierung und die grassierende Korruption zu. Die Regierung versucht, die Proteste mit neuen Versprechungen einzudämmen.

Augenzeugen berichten von Schüssen

Tränengas-Granaten werden verschossen, Steine fliegen den Polizisten entgegen., die wiederum mit Wasserwerfern antworten - und mit Schüssen in die Luft, wie Augenzeugen berichten. Die Demonstranten sind aufgebracht und schildern, was sie auf die Straße treibt: "Niemand hat Arbeit, von all den Familien hier hat niemand Arbeit. Wir haben kein Geld für Lebensmittel", sagt einer. Und die Politiker lieferten sich nur Machtkämpfe untereinander.

Frauen und Männer in einem Demonstrationszug. | Bildquelle: dpa
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Seit mehreren Tagen protestieren vor allem junge Arbeitslose in der Stadt Kasserine.

Wut der Demonstranten wächst täglich

Auslöser der Proteste waren Vorwürfe eines jungen Mannes, der behauptete, sein Name sei von einer Einstellungsliste für Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst gestrichen worden. Angeblich war Korruption im Spiel. Der junge Mann kletterte am vergangenen Samstag auf einen Strommast vor dem Sitz des Gouverneurs von Kasserine, um zu protestieren - und wurde durch einen elektrischen Schlag getötet. Seitdem wächst die Wut der Demonstranten täglich.

Die Korruption sei überall, sagen sie. Einen Termin beim Gouverneur bekomme man nur für Geld. Die Regierung spreche von Lösungen, darauf warte man aber schon seit fünf Jahren.

Proteste in Tunesien
tagesschau24 09:00 Uhr, 22.01.2016

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Regierung macht neue Versprechungen

Im fünften Jahr nach der Revolution flammen solche Proteste auch in anderen Städten wie Thala und Sousse auf. Kleinere Demos gibt es auch in der Hauptstadt Tunis. In einer Kleinstadt nahe bei Kasserine wurde zudem ein 25-jähriger Polizist getötet, die Umstände sind noch unklar. Fest steht aber, dass Tunesiens Regierung immer stärker unter Druck gerät. Machtkämpfe lähmen die Regierungspartei. Das Kabinett ist gerade umgebildet worden. Ärger und Wut über ausbleibende wirtschaftliche Erfolge wachsen unterdessen immer weiter.

Mittwochabend versuchte der Regierungssprecher, die Proteste in der Region Kasserine mit neuen Versprechungen zu dämpfen: "Wir haben eine Reihe wichtiger und dringender Maßnahmen beschlossen." Man wolle eine schnelle Lösung für die Forderungen der Bürger in dieser Region aufzeigen und für alle Regionen in vergleichbaren Situationen. Unter anderem sollen 5000 Arbeitslose eingestellt werden, so der Sprecher weiter.

Europa soll helfen

Was für Jobs genau diese Arbeitslosen jetzt plötzlich bekommen sollen, blieb vorerst offen. Der Regierungssprecher kündigte auch an, man werde 1000 Sozialwohnungen bauen. Gleichzeitig bitten Regierung und Staatschef Beji Caid Essebsi aber um mehr Verständnis. Die Lage sei schwierig und nicht von jetzt auf gleich zu ändern. "Wir haben eine schwierige Situation geerbt. In Tunesien gibt es 700.000 Arbeitslose. Darunter sind 250.000 mit einem Diplom. Wir haben bestimmte Regionen, in denen Armut herrscht, die nicht am Wirtschaftsleben teilhaben", sagte Essebsi.

Das haben die Tunesier schon oft gehört und pochen auf Lösungen. Präsident Essebsi bittet unterdessen um Hilfe von außen: "Europa, unser wichtigster Kunde und Unterstützer, muss uns helfen. Bei Entwicklungsprojekten und bei den Wirtschaftsreformen, die wir gerade auf den Weg bringen."

Etliche Medien in Tunesien ziehen angesichts der wütenden Proteste in Kasserine und anderen Städten schon Parallelen zur Revolution. Die habe damals auch mit verzweifelten Demonstrationen gegen soziale Ungleichheit und Korruption begonnen - im Landesinneren, in Städten wie dem damals schon armen Kasserine.

Unruhen in Tunesien – Tote und Verletzte
J. Borchers, ARD Rabat
21.01.2016 16:41 Uhr

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