Alaa Chebbi in seiner Sendung "Andi Mankollek" | Bildquelle: http://elhiwarettounsi.com/repla

Gewalt gegen Frauen in Maghreb-Staaten "Heirate deinen Vergewaltiger!"

Stand: 01.11.2016 12:47 Uhr

In Tunesien hat ein TV-Moderator eine vergewaltigte Frau aufgefordert, ihren Peiniger zu heiraten. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf geltendes Recht in mehreren Maghreb-Staaten: Vergewaltiger können durch Heirat Straffreiheit erlangen.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

"Hajer, was hast du gemacht?", fragt Moderator Alaa Chebbi die schluchzende junge Frau immer wieder - vor laufender Kamera in der Talkshow "Andi Mankollek". Hajer ist schwanger. Sie sagt, dass sie vergewaltigt worden ist, von drei Familienmitgliedern. Und zwar immer wieder, seit sie 14 Jahre alt war.

Als ihr Vater von der Schwangerschaft erfuhr, warf er sie aus dem Haus. Bei ihm solle sie sich entschuldigen, ruft der Moderator Hajer zu. Sie, schwanger, unverheiratet - sie habe einen Fehler gemacht.

Talkshow wird zeitweilig abgesetzt

Die Reaktion auf die Sendung ist heftig; vor allem in sozialen Netzwerken gibt es entsetzte und wütende Kommentare. Kurze Zeit später setzen die tunesischen Behörden die Talkshow für drei Monate aus. Sie habe die Menschenwürde verletzt.

Alaa Chebbi in seiner Sendung "Andi Mankollek" | Bildquelle: http://elhiwarettounsi.com/repla
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Alaa Chebbi auf der Homepage zu seiner Sendung "Andi Mankollek"

Moderator Alaa Chebbi rechtfertigt sich: "Wir sprechen hier von einer mutmaßlichen Vergewaltigung. Laut medizinischer Untersuchung und nach Aussage des Bruders des Mädchens hat keine Vergewaltigung stattgefunden. Das heißt, dass das Mädchen regelmäßig sexuell aktiv war. Ich habe ihr nicht einfach so vorgeschlagen, ihren Vergewaltiger zu heiraten. Das ist im tunesischen Strafgesetz so vorgesehen, im Artikel 227. Das Problem liegt im Gesetz, nicht bei mir."

TV-Show löst Diskussion über Gesetz aus

Die Fernseh-Show löste in Tunesien wieder eine Diskussion über das tunesische Recht aus. Im Zentrum stehe der Artikel 227 des Strafgesetzbuchs, sagt Monia Ben Jemia, Uni-Professorin und Präsidentin der Frauenrechtsorganisation ATFD. 

Sie erklärt: "Nach tunesischem Recht ist es verboten, sexuellen Verkehr mit einem Mädchen zwischen 13 und 20 Jahren zu haben. Derjenige, der das tut, wird mit Gefängnis bestraft - außer er ist damit einverstanden, das junge Mädchen zu heiraten. Dann bleibt er straffrei."

Nicht nur Frauenrechtsorganisationen kritisieren den Artikel 227 schon lange, weil er Opfer ein zweites Mal bestraft. Viele Mädchen stimmten einer solchen Hochzeit zu, weil der Druck einfach zu groß wird. Von der Gesellschaft. Der Familie. Der Justiz. Oft müssen Vergewaltigungsopfer sogar fürchten, selbst von der Justiz strafrechtlich verfolgt zu werden, denn außerehelicher Sex ist verboten.

Ähnliche Gesetze auch in Nachbarstaaten

Das Problem existiert nicht nur in Tunesien. Ähnliche Gesetzeslagen gibt es auch in Nachbarstaaten. Die Gesetze sind Symptome eines großen gesellschaftlichen Problems: Gewalt gegen Frauen. Ein Beispiel: das Königreich Marokko. Laut einer staatlichen Studie haben rund 63 Prozent aller marokkanischen Frauen angegeben, schon einmal Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein.

Das Thema ist ein gesellschaftliches Tabu - oft wird den Opfern eine Mitschuld zugesprochen, oder ihnen wird schlichtweg nicht geglaubt. Das verdeutlichte sogar der marokkanische Präsident Abdelillah Benkirane, als er in einer Parlamentssitzung über die Ergebnisse der Studie gesprochen hat. Er scherzte: 60 Prozent aller Frauen - diese Zahlen könnten ja nicht stimmen. Dann wären ja auch 60 Prozent aller Parlamentarierinnen betroffen. Die Reaktion des Parlaments? Gelächter.

Erpresste Frau zündete sich selbst an

Für Frauen in Marokko ist das kein Witz. Erst im August dieses Jahres zündete sich ein 16-jähriges Mädchen nördlich von Marrakesch selbst an. Das Mädchen hatte acht junge Männer angezeigt, die sie vergewaltigt, gefoltert und das Ganze gefilmt haben sollen. Nach einem kurzen Prozess wurden die Männer freigelassen. Danach erpressten sie das Mädchen: Wenn sie weiter ihre Geschichte erzähle, würden sie das Video ins Internet stellen. Daraufhin zündete sich das Mädchen an.

Der Fall erinnert viele an das Schicksal von Amina Fellali. Sie hatte sich 2012 mit Rattengift umgebracht, nachdem sie gezwungen worden war, ihren Vergewaltiger zu heiraten.

Gesetzesänderung nach Protesten

Tausende Marokkanerinnen und Marokkaner waren damals auf die Straße gegangen, um gegen den umstrittenen Paragrafen 475 zu demonstrieren. Doch erst zwei Jahre später und auf vehementen Druck aus dem In- und Ausland hat Marokko den Paragrafen gekippt, der es Vergewaltigern erlaubte, ihre Opfer zu heiraten, um straffrei zu bleiben.

Menschen stehen an einer Wahlurne in Marokko | Bildquelle: dpa
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In Marokko wurde kürzlich gewählt. Moderate Islamisten blieben stärkste Kraft.

Auch in Algerien wurden Gesetze zugunsten von Frauen geändert - zumindest auf dem Papier. 2015 wurde das Strafgesetzbuch reformiert, um Frauen besser vor sexueller Gewalt zu schützen. Vergewaltiger können aber immer noch straffrei ausgehen, wenn sie ihr minderjähriges Opfer heiraten. Die Justiz bestrafe damit systematisch die Opfer, so Kritiker.

Frauen werden ihr Leben lang stigmatisiert

Auch deswegen scheuten sich viele Betroffene, die Tat zu melden und juristisch gegen Täter vorzugehen. Die Frauen werden ihr Leben lang stigmatisiert, gelten als beschmutzt. Frauenrechtsorganisationen prangern deswegen nicht nur die Gesetzgebung in den Ländern an. Ihre Kritik: So lange Frauen jungfräulich und rein sein sollen und für die Ehre der Familie stehen, könne betroffenen Frauen keine Gerechtigkeit widerfahren. Dazu brauche es mehr als nur die Streichung eines Paragrafen.

"Heirate deinen Vergewaltiger!" Wie eine Talk-Show in Tunesien für Aufruhr sorgt
Dunja Sadaqi, ARD Nordwestafrika
01.11.2016 10:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 31. Oktober 2016 um 05:22 Uhr.

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