Demonstranten halten ein Foto von Mohamed Bouazizi hoch. Er wurde zu einer Symbolfigur für den "Arabischen Frühling" in Tunesien. | Bildquelle: dpa

Fünf Jahre nach dem Ausbruch des "Arabischen Frühlings" Die Erinnerung verblasst

Stand: 16.12.2015 01:30 Uhr

Vor fünf Jahren zündete sich der tunesische Gemüseverkäufer Mohamed Bouazizi selbst an - und wurde zu einem Symbol des damals aufkeimenden "Arabischen Frühlings". Doch was ist von den Zielen der Revolution wahr geworden, was von ihrem Geist geblieben?

Von Alexander Göbel, ARD-Studio Rabat

Am 17. Dezember 2010 zündete sich in der tunesischen Stadt Sidi Bouzid der Gemüseverkäufer Mohamed Bouazizi an. Es war der Moment, der den sogenannten Arabischen Frühling auslöste - die Aufstände gegen Jahrzehnte herrschende, brutale, korrupte Diktatoren. Bouazizi verbrannte sich aus Protest gegen die Willkür des Staates, gegen die Demütigungen.

Tunesien hat sich seitdem auf den langen Weg in Richtung Demokratie gemacht. Die Verzweiflung über die schlechte wirtschaftliche Lage und die fehlende Perspektive ist immer noch groß. Und Selbstverbrennungen gibt es immer noch.

Ein Besuch in Sidi Bouzid, fünf Jahre nach Bouazizis Tod: Begraben ist er auf einem Friedhof weit vor den Toren von Sidi Bouzid.

Mohamed Bouazizi liegt vor den Toren der Stadt Sidi Bouzid begraben. | Bildquelle: AFP
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Mohamed Bouazizi liegt vor den Toren der Stadt Sidi Bouzid begraben.

In der Stadt lebt die Erinnerung an ihn. Ein großes Fotoplakat über dem Gebäude der Post zeigt Mohamed wie er schüchtern lächelt, bei einer Hochzeitsfeier, kurz vor seinem Tod.

Ein Märtyrer verliert seine Symbolkraft

Auf dem Dach des Rathauses wehen tunesische Fahnen, ein paar Männer bauen eine kleine Bühne auf. Doch zur Gedenkfeier für den berühmten Märtyrer von Sidi Bouzid kommen jedes Jahr weniger Menschen. Nicht einmal Polizisten werden dafür noch abgestellt.

Mohameds Cousin, Hichem Amor Kallel, steht vor dem verlassenen Haus der Bouazizis. "Er war wie ein Bruder", sagt Hichem über Bouazizi. "Ich habe ihm die Haare geschnitten, noch wenige Tage, bevor er sich angezündet hat. Nach seinem Tod war das Gedenken an ihn noch eine große Sache. Aber jetzt ist nichts mehr los in Sidi Bouzid."

Kerzen umrahmen ein Bild des tunesischen Obstverkäufers Mohamed Bouazizi | Bildquelle: REUTERS
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2011 umrahmen Kerzen und Blumen das Bild des verstorbenen Bouazizi. Doch das Gedenken an ihn lässt nach.

Der Platz, auf dem Bouazizi sich vor fünf Jahren selbst verbrannte, ist inzwischen nach ihm benannt. Hier steht auch eine einsame Bronzeskulptur seines Gemüsewagens. Mit einem solchen Karren aus Holz war er damals als fliegender Händler unterwegs, um für seine Familie Geld zu verdienen. Bis die Polizei seine Ware beschlagnahmte, bis er von Beamten misshandelt wurde - und die Demütigungen seines Lebens in bitterer Armut einfach nicht mehr ertragen konnte.

Das Volk erhob sich und fegte Diktator Ben Ali aus dem Land. Fünf Jahre danach ist Bouazizis Cousin Hichem aber nicht zum Feiern zumute. Trotz Verfassung, trotz Demokratie: "Bouazizi mag das Symbol der Revolution sein, des neuen Tunesiens. Aber es ist, als wäre diese Revolution gleich mit ihm gestorben." Mohameds Mutter sei nach Kanada gegangen, sagt Hichem. Sie sei vor der Erinnerung geflohen, und auch vor der Misere im Süden Tunesiens.

Noch immer herrschen Armut und Arbeitslosigkeit

Der neue Bürgermeister von Sidi Bouzid beteuert, bald werde das neue Investitionsprogramm der Regierung starten. Mit dem Bau der Autobahn nach Tunis zum Beispiel solle es 2017 losgehen. "Inchallah“, sagt er, so Gott will. Doch wie überall in der Region wurden auch in Sidi Bouzid die Hoffnungen der Menschen schon zu oft enttäuscht.

"Es gibt einfach keine Jobs, gar nichts gibt es hier", sagt etwa der 32-jährige Mohamed Salah. "Ich gehe betteln und lebe von der Hand in den Mund. Manchmal gibt mir jemand einen Dinar, das sind nicht mal 50 Cent. Sogar unter Ben Ali ging es uns hier besser als heute."

Straßenhändler gibt es immer noch in Sidi Bouzid. Sie verkaufen Obst, Gemüse, geschmuggelte Zigaretten aus Libyen - weil es sonst keine Perspektiven gibt. Smaïn ist 26 Jahre alt, so wie Bouazizi, als er starb.  "Um zwei Uhr morgens muss ich mich auf dem Großmarkt eindecken, damit ich tagsüber frische Ware verkaufen kann", erzählt Smaïn. "Wenn es gut läuft, verdiene ich rund zehn Dinar am Tag." Das sind keine fünf Euro. Doch oft fehlt eine berufliche Alternative, wie Smaïns Freund Atef hinzufügt: "Ich finde keinen anderen Job. Und ständig kommen die Behörden und verlangen Geld. Wir brauchen bald wieder eine Revolution - aber ob ich die erlebe? Ich werde es machen wie Bouazizi."

Mohamed Bouazizi war nicht der erste, der sich in Tunesien mit Benzin übergossen und angezündet hat. Aber auch nicht der letzte. Seit seinem Tod vergeht kaum ein Monat, ohne dass sich ein verzweifelter junger Mensch auf diese Weise tötet. Bis heute sind es in Tunesien weit mehr als zweihundert.

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