Houcine Abassi | Bildquelle: AFP

Tunesischer Friedensnobelpreisträger im Porträt Der Mann des Dialogs

Stand: 10.12.2015 13:53 Uhr

Er ist einer von vier Akteuren, die Tunesien 2013 vor dem Chaos retteten: Houcine Abassi. Der Gewerkschaftschef brachte das Land mit der Arbeitgeber-Präsidentin, der Menschenrechtsliga und dem Anwaltsverein wieder auf Kurs. Heute erhielten sie den Friedensnobelpreis.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Houcine Abassi hat in den 1970er-Jahren als Lehrer angefangen. Seine Freunde sagen heute: Dieser Beruf sei die beste Vorbereitung gewesen für seinen Aufstieg zum obersten Gewerkschafter Tunesiens und erst recht für seine Leistung als Krisenmanager im "Quartett des Nationalen Dialogs".

Aufgewachsen in der Provinz südöstlich von Tunis, wo es wenig anderes gibt als Olivenplantagen, engagiert er sich früh für die Rechte der Arbeiter. Als Gewerkschafter bekommt Abassi immer wichtigere Posten, wird Ende 2011 Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes UGTT.

Mit 800.000 Mitgliedern ist die UGTT die bedeutendste Organisation der Zivilgesellschaft in Tunesien. Seit der Gründung vor fast 70 Jahren hat sie nicht nur eine soziale, sondern immer auch eine politische Rolle gespielt. Klar war diese Rolle im Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich: Während der Regime von Bourguiba und Ben Ali arrangierten sich zahlreiche Funktionäre mit den Verhältnissen.

Tunesien: Winter im arabischen Frühling
Weltspiegel, 06.12.2015, Stefan Schaaf, ARD Madrid

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Geduld, Selbstvertrauen und Bescheidenheit

Abassi geht offensiv mit diesem Erbe um. Heute, sagt der 68-Jährige, genieße die UGTT den Rückhalt der Bevölkerung: "Immer wieder wird uns vorgeworfen, dass wir uns bei der UGTT nicht nur um unsere gesellschaftliche Rolle kümmern, sondern auch Dinge tun, die nicht in unser Aufgabengebiet fallen. Wir antworten jedes Mal: Wir werden es immer wieder tun."

Der unscheinbare Mann mit den kurzen grauen Haaren und den immer hellwachen braunen Augen gilt als beharrlicher Zuhörer. Als jemand, der Menschen zusammenbringt, mit viel Geduld, Selbstvertrauen und zugleich großer Bescheidenheit.

Gewerkschaftschef Abassi | Bildquelle: AFP
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Gewerkschaftschef Abassi half mit Hartnäckigkeit, Tunesien vor dem Chaos zu retten.

Das sind gute Voraussetzungen, um in der schwersten Zeit Tunesiens das Unmögliche möglich zu machen: "Wir waren uns einig, dass eine große Gefahr für das Land besteht und dass wir dieses Land vielleicht nur noch mit einem Dialog retten können. Deshalb haben wir uns zusammengetan."

Zähe Verhandlungen statt Waffengewalt

Ende 2012 ist Tunesien tief gespalten. Die unerfahrene Islamisten-Partei Ennahda führt die Übergangsregierung an, gleichzeitig gibt es Ausschreitungen gewaltbereiter Salafisten. Gewerkschaftsboss Abassi spürt: Er muss handeln. Mehr als 1700 Stunden verbringt er in Vorbereitungstreffen, um das so genannte Quartett zusammen zu bekommen: die Menschenrechtsliga, den Anwaltsverein, den Arbeitgeberverband UTICA und seinen Gewerkschaftsverband UGTT.

Doch der erste Anlauf des Dialogs geht schief. 2013 werden binnen weniger Monate zwei beliebte linke Politiker ermordet, mutmaßlich von Salafisten. Tunesien steht auf der Kippe, doch Abassi lässt die Gespräche nicht abbrechen und wird belohnt: Ende Oktober 2013 bringt er Islamisten und Oppositionelle zum ersten Mal an einem Tisch.

Tunesische Nobelpreisträger | Bildquelle: AP
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Die Vier werden dafür geehrt, mit beharrlichem Dialog ihr Land vor dem Zerfall gerettet zu haben.

Nach 174 Stunden zäher Verhandlungen stimmen sie einer Experten-Regierung zu, machen den Weg frei für ein Wahlgesetz, schließlich für Neuwahlen. Ohne Abassis Einsatz, sagen viele, hätte Tunesien damals zerbrechen können. Auf jeden Fall hätte es so schnell keine Verfassung, keine Parlamentswahl, kein Ende des schier ewigen Provisoriums gegeben. Das ist die Leistung, die nun das Nobelkomitee würdigte.

"Der Friedensnobelpreis wird uns nutzen, um unser Land weiterzubringen und auch die arabische Welt", sagt Abassi. Die meisten Revolutionen waren bis heute nicht von Erfolg gekrönt, sondern sind in Gewalt und Bürgerkrieg gekippt: Wir wollen zeigen, dass Probleme nicht durch Waffengewalt gelöst werden." 

Houcine Abassi - Tunesiens Retter des Dialogs
A. Göbel, ARD Rabat
10.12.2015 06:47 Uhr

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Keine Zeit zum Ausruhen

Abassi glaubt fest daran, dass die moderne Zivilgesellschaft siegen wird. Aber der Kampf gehe weiter, sagt er. Tunesien müsse mit permanenter Terrorgefahr leben, mit einer lahmenden Wirtschaft, die die Menschen an der Demokratie zweifeln lasse.

Auch deshalb wird Abassi sich nicht ausruhen, auch wenn er Ende 2016 als Generalsekretär der UGTT aufhört. Dann will er zwar endlich mehr Zeit haben für seine Familie, seine vier Kinder. Aber vor allem will er ein Buch schreiben über seine Erinnerungen und sein demokratisches Vermächtnis.

"Das werde ich für die kommenden Generationen aufschreiben. Ich will diese einzigartige Erfahrung weitergeben und vor allem klarmachen: Frieden ist nur möglich durch Dialog."

Tunesisches Quartett mit Friedennobelpreis ausgezeichnet
tagesschau 20:00 Uhr, 10.12.2015, Stefan Schaaf, ARD Madrid

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Friedensnobelpreis 1901 bis 2015 - eine Auswahl der Preisträger

Henry Dunant und Frédéric Passy

Der Schweizer Geschäftsmann und Humanist Henry Dunant (links) erhielt zusammen mit Frédéric Passy (rechts) im Jahr 1901 den ersten Friedensnobelpreis. Das Nobelkomitee zeichnete Dunant für die Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und die Genfer Konventionen aus - Dunant hatte dies mit seinem Buch "Eine Erinnerung an Solferino" initiiert. Neben den Erlebnissen nach der Schlacht von Solferino im Juni 1859 regt Dunat in dem Buch die Gründung freiwilliger Hilfsgesellschaften und den Schutz und die Versorgung von Verwundeten im Krieg an.

Der französische Parlamentarier und Humanist Frédéric Passy gründete im Mai 1867 die Internationale Friedensliga mit der Absicht, den französisch-preußischen Krieg zu verhindern. 1870 scheiterten diese Bemühungen - es kam zum Krieg. 1901 wurde Passy für diesen Einsatz mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

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