Flagge von Tunesien | Bildquelle: AFP

Extremisten aus Tunesien Jung, gut gebildet, radikal

Stand: 14.02.2017 05:41 Uhr

Kanzlerin Merkel empfängt heute den tunesischen Ministerpräsident Chahed. Bei den Gesprächen soll es auch um die schnellere Abschiebung sogenannter "Gefährder" gehen. Warum exportiert das Land so viele Islamisten und Radikale?

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Ridha Raddaoui ist Rechtsanwalt. Er hat an einer Studie mitgearbeitet, für die Akten von etwa 1000 Terrorismus-Verdächtigen in Tunesien ausgewertet wurden. Ergebnis Nummer eins: Tunesische Extremisten sind mehrheitlich jung, sagt Raddaoui. Ergebnis Nummer zwei: Viele sind relativ gut gebildet. Ergebnis Nummer drei: Etwa 70 Prozent der Terrorismus-Verdächtigen haben Trainingslager im Ausland durchlaufen.

"Mehr als drei Viertel von ihnen sind jünger als 34 Jahre", sagt Raddaoui. "Das ist eine neue Generation, die nicht so stark unter dem Druck der Diktatur stand. Und die vergleichsweise gut gebildet ist. 40 Prozent von ihnen haben Universitätskurse besucht."    

Kein einheitliches Profil

Das Bild, das die ausgewerteten Akten von Terrorismusverdächtigen hergeben, ist vielfältig. Gut gebildete Radikale, aber auch Schulabbrecher und Arbeitslose. 96 Prozent Männer, aber es kommen langsam immer mehr Frauen hinzu. Etwa die Hälfte der Beschuldigten kam über religiöse Schriften mit Extremisten in Kontakt. Andere wechselten direkt aus dem Kleinkriminellen-Milieu in den angeblich religiös motivierten Kampf.

Anwalt Raddaoui zieht vor allem eine Schlussfolgerung: Es gibt kein einheitliches Profil. Es gibt nicht den einen Weg in den Extremismus. Es gibt viele verschiedene Motive und Ursachen.

Gefängnisse Brutstätten des Radikalismus

Raddaoui und seine Kollegen haben allerdings festgestellt, dass die Gefängnisse des Landes echte Brutstätten des Radikalismus geworden sind. Und Raddaoui beklagt, dass die verschiedenen tunesischen Regierungen auch sechs Jahre nach der Revolution noch kein Rezept gegen die Radikalisierung erarbeitet haben: "Die Behörden müssten ein Konzept für die Deradikalisierung entwickeln. Da ist aber bis heute nichts passiert."   

Folter, willkürliche Verhaftungen

Tunesiens Sicherheitsapparat reagiert vor allem mit Strafverfolgung: Nach wie vor gilt in Tunesien der Ausnahmezustand. Nach wie vor gehen Polizei, Gendarmerie und Anti-Terrorismus-Brigaden mit groß angelegten Hausdurchsuchungen und Verhaftungen vor. Und sie tun das mit teilweise ziemlicher Brutalität.

Ein neuer Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International dokumentiert 23 Fälle von Folter. Von willkürlichen Verhaftungen ist die Rede. Davon, dass Familienmitglieder von Verdächtigen misshandelt und unter Druck gesetzt wurden. Heba Morayef, die Chefin des Nordafrika Büros von Amnesty International, sagt, das sei gefährlich: "Wir sagen, man kann Sicherheitsrisiken per Gesetz und unter Einhaltung von Menschenrechten bekämpfen. Es wäre extrem gefährlich Methoden anzuwenden, die an die Ben Ali-Ära erinnern."

Politische Situation in Tunesien
tagesschau 14:00 Uhr, 14.02.2017, Stefan Schaaf, ARD Madrid

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Sicherheitskräfte und Ministerien unterwandert

Neue Folter-Vorwürfe sind erschreckend. Das gilt allerdings auch für andere Hinweise, die die Studie über Radikalisierung in Tunesien liefert. Beispielsweise darauf, dass Radikale in die Sicherheitskräfte und Ministerien eindringen konnten. Raddaoui schildert als Beispiel die Festnahme und Flucht des meistgesuchten Extremisten von Tunesien, Abou Ayadh, vor gut vier Jahren: "Man hatte den Mann festgenommen, der in ganz Tunesien gesucht wurde", erzählt Raddaoui. "Ein Mann, der sehr gefährlich war. Aber dann bekam der Polizist, der ihn verhaftet hatte, die Anweisung, ihn wieder laufen zu lassen."

Diese Anweisung sei damals aus dem tunesischen Innenministerium gekommen. Heute kommt die Regierung im Kampf gegen den Extremismus im eigenen Land kaum hinterher. Eine Präventionsstrategie fehlt, Repression allein hilft offenbar nicht weiter. Und, so formuliert es Raddaoui: "Alle rufen nach Lösungen für ein Phänomen, das wir noch gar nicht genau begriffen haben."

Tunesiens Kampf gegen den Extremismus
Jens Borchers, ARD-Studio Rabat
13.02.2017 20:35 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Februar 2017 um 05:50 Uhr.

Darstellung: