Polizei und Krankenwagen auf einer Straße in Tunis (Tunesien) | Bildquelle: dpa

IS bekennt sich zu Anschlag in Tunesien "Sie wollten unsere Demokratie treffen"

Stand: 25.11.2015 17:22 Uhr

Der Terror hat sich eingenistet in Tunesien - so viel steht fest nach dem tödlichen Attentat auf die Präsidialgarde. Es war bereits der dritte schwere Anschlag in diesem Jahr. Und wieder dürfte der "Islamische Staat" dahinter stecken.

Von Stefan Ehlert, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Gestern Nachmittag  in Tunis. Nahe der belebten Avenue Mohamed V sammeln sich Mitglieder der Präsidialgarde, um mit einem Polizeibus zur gemeinsamen Nachtschicht aufzubrechen. Sie sollen den Präsidentenpalast schützen, das Palais Carthage.

Seit langem schon ist dies hier ihr Treffpunkt, zwei Metro-Stationen sind in der Nähe, dieser Sammelpunkt ist praktisch für die Beamten - doch diesmal wird er zur tödlichen Falle. Augenzeugen berichten von einer lauten Explosion, und dann sei der Polizeibus in Flammen aufgegangen: "Die haben die Polizei in die Luft gesprengt", erzählt ein Passant. "Das ist der Beginn eines Krieges."

Ausnahmezustand in Tunis nach erneutem Terroranschlag
tagesschau 17:00 Uhr, 25.11.2015, Jörg Rheinländer, ARD Madrid

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Mit zehn Kilo Sprengstoff am Leib

Zwölf Tote werden als Mitglieder der Präsidialgarde identifiziert, eine Armada von Rettungswagen transportiert 20 Verletzte vom streng abgeschirmten Anschlagsort ab. Eine 13. Leiche kann nicht identifiziert werden. Das Innenministerium geht davon aus, dass es sich um den Selbstmordattentäter handelt, der zehn Kilo Sprengstoff am Leib gehabt haben soll.

Moet Sinaoui, der Sprecher des Präsidenten, sagt, es handele sich um einen Akt des Terrors: "Die Präsidialgarde anzugreifen heißt, eines der Symbole der tunesischen Republik anzugreifen. Diese Leute wollen die junge tunesische Demokratie treffen, der Terrorismus schlägt im Herzen des Staates zu." Für vier Wochen soll nun der Ausnahmezustand gelten, zudem kündigt der Sprecher eine nächtliche Ausgangssperre für Tunis an - drastische Maßnahmen, die viele treffen.

"Wir sind im Krieg", sagt der Präsident

Die Gewerkschaft UGTT, gerade erst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, sagt Streiks und Demonstrationen ab. Ein Filmfestival muss seine Premieren auf den Nachmittag vorverlegen. Vor den Kameras des Staatsfernsehens wirbt Staatschef Beji Caib Essebsi um Vertrauen und Verständnis für die Auflagen: "Wir sind im Krieg gegen den Terror, und wir werden ihn mit den nötigen Mitteln an Waffen, an Schärfe und an Männern führen."

Es ist nicht das erste Mal, dass er derart martialische Worte wählt. Im März erschossen Attentäter 21 Menschen im Bardo Museum, das mitten im Parlamentsviertel liegt. Im Juni ermordete ein radikaler Islamist 38 Touristen am Strand von Port El Kantawi bei Sousse.

Polizisten untersuchen den zerstörten Militärbus. | Bildquelle: dpa
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Der Morgen danach: Polizisten untersuchen den zerstörten Militärbus.

Dass nun diejenigen getroffen wurden, deren Job es ist, den Staatschef selbst zu schützen - das verunsichert die Tunesier zusätzlich: "Ich bin Franco-Tunesier, und was in Paris geschehen ist, macht mich genauso krank wie das, was in Tunis passiert - für mich sind die Täter grauenhafte Wahnsinnige", sagt ein Passant.

Wettstreit zwischen dem IS und Al-Kaida

Immer klarer wird: Der Wahnsinn hat offenbar Methode, so oft wie die Islamisten in Tunesien zuschlagen. Heute Nachmittag bekannte sich - in einem allerdings noch nicht verifizierten Internetvideo - der "Islamische Staat" zu dem Angriff. Die Terrormiliz soll bekanntlich auch hinter den Anschlägen von Paris und dem mutmaßlichen Abschuss einer russischen Passagiermaschine über dem Sinai stecken.

In der Tat wetteifern in Tunesien offenbar Verbündete des "Islamischen Staats" einerseits und von Al-Kaida andererseits um Anerkennung, selbst das Haus des Innenministers wurde schon angegriffen. Der gestrige Angriff auf die Präsidialgarde zeigt einmal mehr, wie verwundbar Tunesien ist - aber eben nicht nur Tunesien, wie Präsident Essebsi betont: "Wir befinden uns in einem internationalen Krieg, der nicht nur Tunesien trifft. Die Regierung hat seit einer Weile einen neuen Plan, dieses Phänomen zu bekämpfen." 

Dieser neue Plan sieht eine bessere Ausrüstung und Ausbildung der Sicherheitskräfte vor, auch mit deutscher Hilfe sollen die Grenzen besser geschützt werden. Vor allem die Grenze zum Nachbarland Libyen. Denn dort - das haben Ermittlungen nach vorherigen Anschlägen ergeben - bildet der "Islamische Staat" die Attentäter für den Dschihad in Tunesien aus.

Islamische Staat bekennt sich zu Terroranschlag in Tunesien
Stefan Ehlert, ARD Rabat
25.11.2015 16:58 Uhr

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