Flagge der Türkei

Türkische Soldaten im Exil "Es war so leicht für sie, uns loszuwerden"

Stand: 08.03.2017 18:00 Uhr

Sie waren Elitesoldaten. Nun leben sie als Asylbewerber in Belgien: Ehemalige türkische NATO-Offiziere und ihre Familien. Die Folgen des Putschversuchs zerstörten fast ihr Leben. Regelmäßige Treffen geben ihnen Halt. Reporter von WDR, NDR und SZ haben sie besucht.

Von Lena Kampf und Andreas Spinrath, WDR

Ein Terroranschlag? Ganz bestimmt. Wieso sollten sonst Soldaten auf der Bosporus-Brücke aufziehen und Kampfjets im Tiefflug über die Stadt jagen? Ein Putsch?

Der Offizier saß zuhause vor dem Fernseher und sah, wie sich die Türkei während einer Nacht in ein anderes Land verwandelte. Als sich dann der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Fernsehen zeigte und Rache schwor, dämmerte ihm, dass sich die Türkei dramatisch verändern würde.

Er war einer der türkischen Offiziere, die bei der NATO in Belgien arbeiteten. Er will nicht erkannt werden. Er gehört zur militärischen Elite - die Armee schickte nur die besten ihrer Jahrgänge auf diese Auslandsposten. Er hatte Topnoten auf der Militärakademie, einen Master in den USA und Auslandserfahrung. Vor dem Putsch. Jetzt soll er ein Terrorist sein.

Schwarze Freitage

An diesem Dienstagnachmittag sitzt er mit sechs anderen Offizieren und Angehörigen, die in Belgien Asyl beantragt haben, an einem Tisch. Der Putsch hat sie zusammengeführt. Alle sind aus der Armee entlassen worden, weil die türkischen Behörden gegen sie ermitteln. Keiner von ihnen kennt konkrete Vorwürfe, auch mit der Gülen-Bewegung hätten sie nie etwas zu tun gehabt.

Die Gruppe trifft sich regelmäßig, nach langem Zögern erlaubten sie Reportern von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung", bei einem der Treffen dabei zu sein. Ihre Geschichten gleichen sich. Alle drehen sich um eines: die Listen, auf denen Erdogans Behörden jene verzeichneten, die der Präsident aus dem Dienst entließ - ob in der Justiz, der öffentlichen Verwaltung oder im Brüsseler NATO-Hauptquartier.

"Eine Woche nach dem Coup kam die erste Liste mit Namen geschasster Soldaten, viele davon unsere Freunde", erzählt eine junge Lehrerin, deren Ehemann Offizier bei der Luftwaffe war. An jedem Freitag seien neue Listen gekommen. Jedes Mal habe sie gehofft, ihren Nachnamen nicht darauf zu finden. "Ich habe sie 'Schwarze Freitage' genannt", sagt sie. Es wurde September. Dann stand ihr Mann darauf.

Recep Tayyip Erdogan | Bildquelle: AFP
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Wer Erdogans Vision eines politischen Islam für die Türkei nicht teilt, muss mit Schikanen rechnen, so die Gesprächspartner.

"Die Türkei ist kein Rechtsstaat mehr"

Nach und nach fanden sie sich alle auf den Listen wieder. Sie sollten in die Türkei zurückkehren. Wieso? Keine Antwort. Dann hörten sie, dass jene, die den Befehl befolgten, verhaftet wurden. Sie sahen Berichte von Folter im Fernsehen. Sie glaubten nicht, dass sie in der Türkei ihre Unschuld beweisen könnten.

"Warum ich nicht zurückgegangen bin? Weil die Türkei kein Rechtsstaat mehr ist. Erst vor einem unabhängigen Richter kann ich meine Unschuld beweisen“, erklärt einer der Offiziere dazu, warum er nicht in die Türkei reiste, sondern Asyl beantragte.

Ein anderer hochrangiger Offizier, der neben ihm sitzt, ergänzt: "Nach den ersten Säuberungswellen wurde uns klar, wen man loswerden wollte: Wir sind alle in Europa und in den USA ausgebildet worden. Wir teilen Erdogans Vision einer neuen Türkei nicht. Dadurch wirst du zur Zielscheibe." Er meint die Vision einer Türkei des politischen Islams.

"Sie jagen uns"

Immer wieder beteuern sie ihre Unschuld. Sie fühlen sich nun wie Verstoßene, erzählen sie. Fast alle sind umgezogen in Gegenden, wo es kaum türkischstämmige Einwohner gibt. Sie meiden türkische Supermärkte und ehemalige Kollegen. Die Ehefrau eines Offiziers sagt, dass sie kaum noch jemandem traue: "Sogar unsere Familien wissen nicht, wo wir jetzt wohnen. Unsere Kinder haben Angst, auf der Straße Türkisch zu sprechen. Wenn sie etwas nicht in Englisch ausdrücken können, schweigen sie."

Jeder am Stammtisch hat Schikanen erlebt. Pässe wurden von der Botschaft für ungültig erklärt. Neugeborenen stellt das Konsulat keine Papiere aus. Bankkonten, Rentenansprüche, Arbeitszeugnisse - alles nichtig. Die türkischen Behörden würden sich nicht damit abfinden, dass sie sich dem Befehl zur Rückkehr widersetzten: "Die Namen derjenigen, die Asyl beantragt haben, haben andere Militärs nach Ankara geschickt. Die Botschaft ist deutlich: Fühlt euch nicht sicher", erzählt der hochdekorierte Luftwaffen-Offizier resigniert. "Sie haben mir meine Vergangenheit gestohlen, jetzt stehlen sie mir auch noch meine Zukunft. Sie jagen uns."

Die Frau am anderen Ende des Tisches nickt. Sie stockt. Dann sagt sie: "Es war so leicht für sie, uns loszuwerden. Sie haben einfach unsere Namen auf eine Liste geschrieben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. März 2017 um 18:30 Uhr.

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