Analyse der türkischen Außenpolitik Ankara und die Dschihadisten
Stand: 12.06.2014 11:34 Uhr
Die Türkei hat ihre NATO-Verbündeten über die Lage nach der Entführung türkischer Bürger im Konsulat der irakischen Stadt Mossul informiert. Bis vor Kurzem hatte Ankara im syrischen Bürgerkrieg noch auf die Islamisten gesetzt.
Von Reinhard Baumgarten, ARD-Büro Teheran
Vor gut zehn Tagen erklärte die türkische Regierung die international längst als Terrororganisation geächtete Gruppierung Dschabhat al Nusra ebenfalls zur Terrororganisation. Drei Jahre hatte es gedauert, bis Ankara das Offensichtliche einsah. Die USA hatten Dschabhat al Nusra bereits im Dezember 2012 als Terrorgruppe gebrandmarkt - die Vereinten Nationen im Mai 2013. Jedes Mal zeigte sich die türkische Regierung darüber befremdet.
Warum das? Weil Ankara in dieser Terrorgruppe noch bis noch vor kurzem eine effektive Kraft sah, Syriens Präsidenten Baschar al Assad zu stürzen. Ankara verneinte stets, Gruppen wie Dschabhat al Nusra unterstützt zu haben. Ankara ließ Gruppen wie diese aber mindestens gewähren, um das Assad-Regime zu Fall zu bringen - und versuchte damit, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.
Die Geiselnahme türkischer Diplomaten und Staatsbürger in Mossul durch die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Großsyrien (ISIS) ist eine Reaktion auf Ankaras Schwenk. Und sie ist auch eine Reaktion auf die desaströse türkische Außenpolitik der vergangenen drei Jahre. Mit aller Macht versuchte die Regierung Erdogan gemeinsam mit Ägypten, Saudi-Arabien und Katar, eine sunnitische Allianz gegen das alevitisch-schiitische Regime Assads zu schmieden.
Diese Allianz ist zwar nach dem Putsch gegen den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zerbrochen. Doch sie hatte genug Zeit, durch finanzielle, militärische und logistische Hilfe Gruppen wie Dschabhat al Nusra und ISIS stark zu machen.
Ankara hat mittlerweile die von radikal-islamischen Gruppen ausgehende Gefahr für das eigene Land besser erkannt und will gemeinsam mit Washington schärfer gegen islamistische Terrorgruppen vorgehen. Und noch etwas bringt die Islamisten gegen Ankara in Harnisch: Die Türkei bezieht Öl aus dem kurdischen Nordirak und unterstützt damit mittelbar die Autonomiebestrebungen der Kurden im Irak. Die Terrorgruppe ISIS will die Kontrolle über die Ölgebiete Nordiraks. Die Kurden sind ihnen dabei im Weg.
Der Aufstieg extremistischer Gruppen im Irak und in Syrien ist eine sehr ernste Bedrohung - nicht nur für die betroffenen Länder und ihre direkten Nachbarn. Vielleicht gelingt es Ankara, das Geiseldrama von Mossul zu lösen. Doch das Problem erstarkender islamistischer Gruppierungen kann nur in Zusammenarbeit mit Ankaras Bündnispartnern sowie den dominierenden islamischen Staaten im Nahen Osten - Iran und Saudi-Arabien - gelöst werden.
