Reportage aus Istanbul: "Gewalt bringt uns nicht weiter"

Bei den Demonstranten in Istanbul

"Gewalt bringt uns nicht weiter"

In Istanbul geht der Protest weiter - das normale Leben aber auch. Trotz Aufruf zum Generalstreik sind die Geschäfte rund um den Taksim-Platz geöffnet, Menschen sitzen in den Cafés. Nur die enorme Polizeipräsenz erinnert an die Ereignisse des Wochenendes.

Von Marjan Parvand, ARD-aktuell, zurzeit Istanbul

"Es gibt nachher vor der Galatasary-Schule eine Kundgebung - da gehen wir hin", erzählt ein Mitarbeiter der türkischen Mobilfunkgesellschaft Türkcell, als er in einer Traube von Kollegen das Bürogebäude verlässt. Es ist 15 Uhr in Istanbul. Und auch wenn der Streik, zu dem fünf Gewerkschaften des Landes aufgerufen haben, kaum Wirkung zeigt, so scheint es in der Stadt doch eine gewisse Solidarität mit den Aktivisten vom Gezi-Park zu geben. Sidar Inan Eryelik wäre allerdings auch nicht erstaunt, wenn es heute gar keine Proteste geben sollte. "Die Gewerkschaften sind nicht stark in diesem Land. Sie können keine Massen mobilisieren", sagt der 38-Jährige und zeigt auf das geschäftige Treiben auf der Istiklal-Straße.

Istanbul (Bildquelle: AP)
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Die Geschäfte in Istanbul sind geöffnet - von Protesten ist kaum etwas zu sehen.

Tatsächlich sind alle Läden geöffnet, die Menschen flanieren, kaufen ein und sitzen in den Cafés - von Streik, aber auch von Protest keine Spur. Stattdessen gibt es eine enorme Polizeipräsenz. Beamte ausgestattet mit kugelsicheren Westen, Schlagstöcken und Schutzschilden patrouillieren entlang der Einkaufsstraße. Einige von ihnen tragen Maschinengewehre. Je näher man zum Taksim-Platz kommt, umso größer wird ihre Anzahl.

Den Platz selbst kann man heute als Passant betreten - anders als gestern. Nur in den Gezi-Park kommt man nach wie vor nicht. Seit seiner Räumung am Samstagabend halten Polizisten den Zugang versperrt. Auf den Hinweis, dass der Park doch öffentlicher Raum sei, folgt lediglich ein Achselzucken - zu mehr Kommunikation lassen sich die Beamten nicht hinreißen. Der Ort des Protests ist jetzt unter Kontrolle der Staatsmacht. Im östlichen Teil sitzen Polizisten auf weißen Plastikstühlen und unterhalten sich. Der Schatten der Platanen vom Gezi-Park gehört jetzt ihnen.

Mit Gasmaske in der Wohnung

Szenenwechsel: Dilek Cilingir macht mit einer Kollegin Mittagspause in einem Café auf der Istiklal-Straße. Sie ist immer noch entsetzt über die Ereignisse der vergangen Tage. "Gestern musste ich in meiner eigenen Wohnung eine Gasmaske tragen. Es war einfach zu viel Tränengas in der Luft."

Sie lebt im Stadtteil Cihangir - einer der Hauptschauplätze der Polizeigewalt am Wochenende gegen die Demonstranten. Die 42-Jährige zählt sich zu den Unterstützern des Protests, lehnt aber jede Form von Gewalt ab. Für sie ist der Protest der Gezi-Park-Aktivisten friedlich - und er soll auch so bleiben. "Wir dürfen uns nicht provozieren lassen. Gewalt bringt uns kein bisschen weiter. Wir wollen eine demokratische und konstruktive Auseinandersetzung."

Istanbul (Bildquelle: AP)
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In der Innenstadt von Istanbul ist die Polizeipräsenz weiterhin hoch.

Und ihre Kollegin ergänzt: "Erst durch die Aktivitäten im Gezi-Park haben wir gemerkt, dass es eine breite zivilgesellschaftliche Bewegung in diesem Land geben kann. Das ist neu für uns Türken. Es waren so viele unterschiedliche Gruppierungen im Park. Vertreter der Kurden waren da, aber auch türkische Nationalisten. Eigentlich denkt man, das kann nicht gut gehen. Diese Erfahrung der gegenseitigen Toleranz war für uns alle wichtig, und wir sollten sie uns nicht nehmen lassen."

Und wie soll es jetzt weitergehen mit dem Protest? Darauf haben beide keine eindeutige Antwort. Für sie ist aber die Bilanz der Besetzung insgesamt positiv. "Erdogan hat auf seiner Kundgebung am Sonntag vor seinen Anhängern nicht mehr vom Bau eines Einkaufszentrums, sondern lediglich von einem Stadtmuseum gesprochen. Außerdem erwähnte er erneut das Referendum." Das sei doch ein klares Angebot des Ministerpräsidenten an die Adresse der Aktivisten.

Bedingungen für Gespräche

Der Werbefilmer Alican Elagöz sieht das anders. Er ist Mitglied der sogenannten Taksim Solidaritätsplattform. Seine Organisation hat das Zeltlager und den Protest im Park maßgeblich organisiert. "Momentan wollen wir nicht mit dem Ministerpräsidenten reden. Erst muss er auf unsere Hauptforderungen eingehen." Die Plattform hat mehrere Bedingungen für Gespräche formuliert: So müsse der Gezi-Park als Park erhalten bleiben, das Recht auf Demonstrationen müsse gewährleistet sein und diejenigen, die die Gewalt befehligt hätten, müssten vor Gericht gestellt werden. Außerdem müsse der Einsatz von Tränengas sofort beendet und die Inhaftieren müssten frei gelassen werden.

"Von diesen Forderungen hat Erdogan bisher nichts erfüllt." Elagöz sagt das ohne jede Resignation. Er ist sicher, dass der Protest weitergehen wird. Er erwartet sogar, dass sich weitere Menschen dem Protest anschließen werden. Nachher wollen sie sich wieder treffen und Richtung Taksim marschieren.

Stand: 17.06.2013 18:57 Uhr

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