Reportage aus Istanbul: "Jetzt nicht weglaufen"

Bei den Demonstranten in Istanbul

"Nicht weglaufen, darum geht es jetzt!"

Es ist schwer für die Demonstranten, sich neu zu formieren. Die Polizei ist überall in Istanbul. Massiv setzt sie Tränengas ein. Über Twitter organisiert sich die Protestbewegung. Sie wollen der Staatsgewalt nicht weichen.

Von Marjan Parvand, ARD-aktuell, zurzeit Istanbul

Eine Atemschutzmaske kostet in Istanbul drei türkische Lira und rund um den Taksimplatz gehört sie zusammen mit Schutzbrille und Bauarbeiterhelm inzwischen zur Standardgarderobe. Die Stadt ist im Ausnahmezustand und das sieht man ihren Bewohnern an. Seit der Räumung des Gezi-Parks am Abend und der weiträumigen Sperrung des Taksimplatzes versuchen die Demonstranten, sich neu zu formieren. Via Twitter hatten sie drei verschiedene Orte als Treffpunkte in der Stadt ausgemacht, aber es ist so viel Polizei unterwegs, dass dieser Plan zunächst nicht aufging.

"Nicht weglaufen, darum geht es jetzt!", sagt Deniz. Sie war im Park, als er am Samstagabend geräumt wurde. Sie hat Verletzungen an Armen und Beinen und musste fliehen. Die Nacht hat sie in ihrem Auto verbracht. Jetzt sitzt sie an einer Straßenecke im Stadtteil Cihangir und versucht immer wieder, die Leute um sich zu beruhigen. "Es sind viele Polizisten in Zivil unterwegs, die mischen sich unter uns. Dann ruft einer auf einmal, die Polizei kommt, und löst Panik aus. Die Leute fliehen. Es ist aber wichtig, dass wir vor denen nicht weglaufen."

J. Eberl, ARD, zur Situation in Istanbul
tagesschau24, 09:00 Uhr, 17.06.2013

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Solidarität: Rhythmisches Hupen und Zuflucht in Cafés

Nach Weglaufen sieht es in den Nebenstraßen rund um den Taksim und die Istiklal auch nicht aus. Im Gegenteil - eine der Hauptzufahrtstraßen haben Demonstranten verbarrikadiert. Aus einer nahen Baustelle schleppen sie alte Fensterrahmen, Rohre und Bauschutt herbei. Die sechsspurige Straße wird unpassierbar. Taxifahrer, die deswegen ihre Fahrgäste nicht befördern können, schimpfen aber nicht, sondern hupen rhythmisch in Solidarität mit den Demonstranten.

Festnahme eines Demonstranten in Istanbul (Bildquelle: AFP)
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Festnahme eines Demonstranten in Istanbul

Und die werden von Stunde zu Stunde furchtloser. Aus verschiedenen Richtungen laufen sie die Anhöhe Richtung Taksim und Istiklal-Straße hoch. Viele tragen eine türkische Fahne mit dem Abbild Atatürks um die Schultern - ein Zeichen für mehr Laizismus und gegen die regierende AKP, die aus der Sicht vieler Demonstranten aus der Türkei einen Gottesstaat machen will.

"Jetzt kann man schon nach 22 Uhr keinen Alkohol mehr in diesem Land kaufen. Das ist doch Quatsch. Irgendwann dürfen wir uns nicht mehr schminken, wenn es so weitergeht!" Kivilin studiert und lebt im asiatischen Teil der Stadt. "Gestern war ich mit meinem Vater hier protestieren. Heute muss er arbeiten, deswegen bin ich mit Freunden unterwegs!" Sie sitzt in einem Café, um einer Tränengasattacke der Polizei zu entkommen.

Der Besitzer nimmt alle auf, die vor den Rauchschwaden fliehen und lässt schnell die Rollläden herunter. "Gehen Sie in die obere Etage", sagt ein Kellner. Dort sei die Klimaanlage an und das Fenster dicht.

Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, zur Lage in der Türkei
ARD Morgenmagazin, 17.06.2013

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Vorgesorgt: Milch, um die Augen zu schützen

Kivilin ist stolz auf die Menschlichkeit ihrer Landsleute: "Tayyip muss endlich begreifen, dass wir nicht nur ein paar verrückte Studenten sind, die einen Park retten wollen. Es gibt Solidarität mit unserer Sache." Dass sie und ihre Freunde gleich wieder auf der Straße gehen werden, ist sicher. Gegen das Tränengas haben sie das Richtige dabei: eine Sprühflasche mit Milch, um die Augen zu schützen.

Die Milch hat sich Eray längst in die Augen gesprüht. Schließlich ist er seit Samstagabend auf den Beinen und schon mehrmals mit der Polizei und Tränengasschwaden in Berührung gekommen. "Gestern war ein sehr schlechter Tag. Die Polizei hat uns im Park geschlagen. Sie ist in das Divan-Hotel gestürmt, wo wir ein provisorisches Krankenhaus errichtet hatten. Sie hat unsere Atemmasken und Schutzbrillen zerstört."

Neue Protestwelle in Istanbul rollt an
tagesthemen 23:25 Uhr, 16.06.2013, Hilde Stadler, ARD Istanbul

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Während er erzählt, zittert seine Stimme immer wieder. Als sich seine Augen mit Tränen füllen, ist er selbst irritiert und atmet noch einmal tief durch. "Wissen Sie, was Egemen Bagis, unser Minister für die Europäische Union, gesagt hat? Er hat gesagt: Alle Leute, die zum Taksim gehen, sind Terroristen! Wenn dem so ist, dann ist dieser Recip Tayyip Erdogan längst ein Assad."

Zum Abschied tippe ich ihm die URL von tagesschau.de in sein Handy. Er verstehe zwar kein Deutsch, aber seine Freunde würden den Text schon übersetzt kriegen. "Wir sind gut organisiert!"

Stand: 16.06.2013 19:33 Uhr

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