Plakate, auf denen Demonstranten die Freiheit für Mesale Tolu und in der Türkei inhaftierte Journalisten fordern. | Bildquelle: dpa

Prozessbeginn in der Türkei Hat Tolu eine Chance auf Freiheit?

Stand: 11.10.2017 03:45 Uhr

Ali Riza Tolu sieht seine Tochter jede Woche. Aber nur für 40 Minuten. Und er muss dafür ins Gefängnis. Denn Mesale Tolu sitzt seit Mai in Haft. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, eine Terrororganisation unterstützt zu haben. Heute beginnt der Prozess.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Ali Riza Tolus Augen ruhen auf dem Bosporus. Ein Anblick, den er in den vergangenen Monaten oft hatte - allerdings ungewollt. Denn eigentlich mag er die Großstadt Istanbul nicht. Er wäre jetzt lieber in seinem kleinen Dorf, irgendwo in der südostanatolischen Provinz, erzählt er. Doch seit seine Tochter Mesale in einem Istanbuler Gefängnis sitzt, hat sich auch Ali Riza Tolus Leben verändert.

Ali Riza Tolu | Bildquelle: Katharina Willinger
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Ali Riza Tolu, der Vater der inhaftierten Mesale, darf seine Tochter nur einmal pro Woche besuchen.

Montag, 12 Uhr. In einem kleinen Büro im Istanbuler Stadtteil Beyoglu findet eine Pressekonferenz statt. Organisiert hat sie die türkische Nachrichtenagentur Etha. Für sie hat Mesale Tolu zuletzt gearbeitet. Seit 2013 lebt sie in der Türkei, hauptsächlich arbeitete sie dort als Übersetzerin, schrieb aber wohl hin und wieder auch Artikel.

Zwei Jahre alter Sohn lebt mit Mutter im Gefängnis

Die Nachrichtenchefin der Agentur erklärt, Mesale und 17 weitere inhaftierte Mitarbeiter säßen zu Unrecht im Gefängnis. Sie seien Journalisten und keine Terroristen, wie die Anklageschrift es ihnen vorwirft und dafür 20 Jahre Haft fordert. Neben ihr nimmt Ali Riza Tolu Platz. Vorher hat er alle Anwesenden persönlich begrüßt, nun bedankt er sich bei den Journalisten, dass sie über den Fall seiner Tochter berichten.

"Sie wurde unschuldig ins Gefängnis gesteckt, ohne stichfeste Beweise. Aber in der Türkei nimmt man mittlerweile erst die Leute fest und sucht dann nach Beweisen. Das ist eine Justiz ohne Regeln", kritisiert Tolu. Physisch gehe es seiner Tochter gut. Sie habe keine Probleme im Gefängnis, werde gut behandelt. Sorgen mache er sich um seinen zweijährigen Enkelsohn, der die meiste Zeit bei seiner Mutter ist. "Mein Enkelkind darf kein Spielzeug haben, er hat nur einen Ball. Aber Kinder sollten mit Spielsachen aufwachsen. Und natürlich nicht im Gefängnis."

Silivri - Yücel und Steudtner sitzen dort ein

Lange dauert die Pressekonferenz nicht. Ali Riza hat es eilig. Denn es ist Montag, der Tag, an dem er seine Tochter 40 Minuten lang sehen darf. Das letzte Mal, bevor der Prozess beginnt. Die Verhandlung findet in Silivri statt, rund 80 Kilometer westlich von Istanbul. Bekannt ist der Ort für sein Gefängnis, das zu den größten Europas zählt.

In Deutschland ist Silivri mittlerweile vielen Menschen ein Begriff, denn der Korrespondent der Tageszeitung "Die Welt", Deniz Yücel, und der Berliner Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner sitzen hier ein. Die beiden sind mit Mesale Tolu die bekanntesten Fälle der elf Deutschen, die laut Auswärtigem Amt in der Türkei aus politischen Gründen inhaftiert sind.

Yücel sitzt seit nunmehr rund acht Monaten im Gefängnis - in Isolationshaft und immer noch ohne Anklageschrift. Eine solche liegt gegen Peter Steudtner seit dem Wochenende vor. Theoretisch müsste nun ein türkischer Richter innerhalb von zwei Wochen einen Prozesstermin bestimmen.

In der Anklageschrift werden Steudtner und zehn weiteren Mitarbeitern der Organisation Amnesty International Verbindungen zu Mitgliedern von Terrororganisationen vorgeworfen, die aus Sicht der türkischen Regierung gegen die verfassungsrechtliche Ordnung arbeiten. Auch die Direktorin von Amnesty International in der Türkei, Idil Eser, sitzt in Haft.

Steudtner wird in der Anklageschrift zusammen mit einem schwedischen Kollegen als "Ausbilder" aufgeführt, der bei einer Versammlung über Datensicherheit referiert habe. Ihm sollen bis zu 15 Jahre Haft drohen.

Geheimer Zeuge belastet Tolu

Dass seiner Tochter ein ähnliches Strafmaß droht, daran möchte Ali Riza Tolu nicht denken. Er ist vom Gefängnisbesuch zurück in der Istanbuler Innenstadt. Alles sei in Ordnung. Mesale sei etwas nervös, habe sich aber gut auf den Prozess vorbereitet. Er selbst sei nicht nervös, behauptet der Vater der Übersetzerin. Das sei er bei seiner Führerscheinprüfung gewesen. "Aber Mesale ist unschuldig. Ich sehe keine Schuld. In der Anklageschrift stehen nur Vorwürfe, keine Beweise."

In der Anklageschrift gegen Tolu wird auch ein geheimer Zeuge aufgeführt. Er habe über Mesale ausgesagt, dass sie für die linksradikale Terrororganisation MLKP in einem Istanbuler Stadtteil tätig sei. Außerdem habe Tolu laut Anklageschrift an der Beerdigung zweier MLKP-Mitglieder teilgenommen, denen mehrere Bombenanschläge zur Last gelegt werden. Davon sollen Aufnahmen existieren.

Für den Prozess sind zunächst zwei Tage angesetzt. Beobachter rechnen allerdings damit, dass er sich in die Länge ziehen wird. Ali Riza Tolu aber hofft darauf, dass seine Tochter zumindest aus der Untersuchungshaft entlassen wird. "Ich habe so ein Gefühl, dass Mesale frei kommt. Aber man weiß nie in diesen Zeiten."

Prozessauftakt gegen Mesale Tolu
Tagesschau 12:00 Uhr, 11.10.2017, Katharina Willinger, ARD Istanbul

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Oktober 2017 um 04:58 Uhr und 09:00 Uhr sowie NDR Info um 07:15 Uhr.

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