Ein kurdischer YPG-Kämpfer blickt auf einen türkischen Panzer. (Archivfoto) | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

Beschuss der Kurden-Miliz YPG Ankaras Konfrontationskurs in Syrien

Stand: 14.02.2016 13:17 Uhr

Die Türkei steuert in Nordsyrien auf eine gefährliche Konfrontation zu. Einmal mehr beschossen türkische Einheiten die Kurden-Miliz YPG mit Artillerie. Für die türkische Regierung ist die YPG eine Terrororganisation. Die USA sehen das anders.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul

Ein Alptraum Ankaras nimmt Gestalt an. Dank amerikanischer Luftangriffe auf die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) erzielen die syrischen Kurden immer mehr Geländegewinne an der türkischen Grenze. Längst ist die von Ankara gezogene Rote Linie überschritten: Die "Yekîneyên Parastina Gel" (YPG) operiert westlich des Euphrats. Seit gestern werden die kurdischen Volksverteidigungseinheiten von türkischer Artillerie beschossen, weil sie "gemeinsam mit Russland und syrischen Streitkräften syrische Zivilisten angreifen", erklärt Ankaras Regierungschef Ahmet Davutoglu. "Sie attackieren Kurden, Araber und Turkmenen, die nicht so denken wie sie", sagt er weiter.

Ankara wirft der YPG ethnische Säuberungen und Kriegsverbrechen im Norden Syriens vor. "Wir erwarten, dass die USA als unser Verbündeter öffentlich dagegen Stellung bezieht", meint Davutoglu.

Genau das tun die USA nicht, weil sie die YPG als effektive Kraft im Kampf gegen die IS-Terrormiliz schätzen. Für Ankara sind die YPG-Kämpfer aber mit der türkischen PKK liierte Terroristen. "Wenn die Türkei bedroht wird, dann werden wir in Syrien ohne zu zögern die notwendigen Maßnahmen ergreifen - so wie wir das in den Kandilbergen im Nordirak getan haben", warnt der türkische Ministerpräsident.

Andere Lage in Nordsyrien

In den Nordirak ist die Türkei zuweilen mit mehr als 10.000 Soldaten eingerückt, um die PKK zu bekämpfen. Im Nordirak bombardiert die Türkei immer wieder PKK-Stel­lungen. In Nordsyrien ist die Lage anders. Dort hat Russland die Lufthoheit und drohte, türkische Kampfjets abzuschießen, falls sie in den syrischen Luftraum eindrin­gen. Deswegen feuern die türkischen Streitkräfte mit weitreichenden Haubitzen auf mutmaßliche YPG-Stellungen nahe der syrischen Grenzstadt Azaz. Ankara wirft der YPG Grenzverletzungen vor. Seit Samstag wird von türkischem Boden aus zurückgeschossen. "Wir werden gegen jeden Schritt (der YPG) Vergeltung üben. Die YPG und ihre Hintermänner sollten die Haltung der Türkei kennen. Die YPG hat Azaz und seine Umgebung sofort zu verlassen und sich ihr nicht mehr zu nähern", fordert Davutoglu.

Die YPG ist dabei, nicht nur Gebiete zu erobern, die von der IS-Terrormiliz gehalten werden, sondern auch Gebiete, in denen Rebellengruppen operieren, die von Ankara unterstützt werden. Präsident Recep Tayyip Erdogan warnt düster: "Bis auf weiteres sind wir noch geduldig."

Das Vorrücken der YPG gefährdet auch Ankaras Pläne, Flüchtlinge in grenznahen Lagern auf syrischem Gebiet zuverlässig versorgen zu können. Mit dem Artilleriebeschuss von YPG-Stellungen wolle die Türkei laut Ministerpräsident Davutoglu sicherstellen, "dass Flüchtlinge im Gebiet von Azaz sicher verweilen können".

Nabelschnur für Aleppo

Jahrelang versorgte die Türkei von Rebellen gehaltene Stadtteile im syrischen Aleppo. Diese Nabelschnur habe das Überleben vieler Menschen gesichert, betont Regierungschef Davutoglu:

"Der Versorgungskorridor zwischen der Türkei und Aleppo ist blockiert. Das ist barbarisch, tyrannisch, ein Krieg, der mit einer mittelalterlichen Mentalität geführt wird. Hundertausenden droht der Hungertod, wenn der humanitäre Korridor nicht offen ist."

Die Türkei, so versichert der 56-Jährige, werde ihren syrischen Brüdern mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln helfen und niemals zulassen, dass Aleppo durch ein eth­nisches Massaker entvölkert werde.

Ankaras Konfrontationskurs in Syrien
Reinhard Baumgarten, ARD Istanbul
14.02.2016 12:25 Uhr

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