Türkische Soldaten an der syrischen Grenze | Bildquelle: AP

Der NATO-Staat Türkei und Syrien Vom Assad-Freund zum Assad-Gegner

Stand: 05.10.2015 02:41 Uhr

Die russischen Luftangriffe in Syrien nennt die Türkei einen "schweren Fehler". Welche Interessen hat die Türkei in Syrien? Welche Strategie verfolgt sie im Kampf gegen den "Islamischen Staat"? Wer ist Freund, wer Feind?

Von Kai Küstner, NDR-Hörfunkstudio Brüssel

Die Lage in Syrien ist ganz sicher noch komplizierter und unübersichtlicher geworden - seit Russland Luftangriffe in dem Bürgerkriegsland fliegt. Der Konflikt sei deshalb für die USA und die EU jetzt noch schwieriger zu lösen als noch vor ein paar Tagen, meint Amanda Paul von der Brüsseler Denkfabrik "European Policy Center". Der Westen habe keine Strategie und kein klares Ziel. "Der Westen weiß auch nicht so richtig, was er mit den Russen jetzt tun soll - außer ihnen zu sagen: Bitte greift ausschließlich den 'Islamischen Staat' an."

Türkei wurde zu Assad-Gegner

Türkische Soldaten in der Grenzregion zu Syrien. | Bildquelle: AP
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Türkische Soldaten in der Grenzregion zu Syrien.

Dass Russlands Präsident Putin aber mehr im Sinn hat, als die mordenden Terrormilizen vom IS zu bekämpfen, nämlich gleichzeitig Syriens Machthaber Bashar al-Assad genau diese Macht zu sichern, stört nicht nur den Westen: Russland begehe einen schweren Fehler mit seinen Luftangriffen. Sie seien nicht hinnehmbar, erklärte gestern der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Wie auch die USA wirft Erdogan Russland vor, auch jene Assad-Gegner zu bombardieren, mit denen der Westen zusammen zu arbeiten versucht.

"Die Türkei ist eine der lautesten Stimmen im Chor jener, die sagen: Assad muss gehen. Das Land hat die ganze Strecke zurückgelegt: Von einem der besten Freunde von Präsident Assad zu einem der größten Feinde", sagt die Türkei-Expertin Paul.

Bomben auf PKK-Stellungen

Völlig unbeirrt in eine Richtung marschiert ist die türkische Regierung in Sachen Syrien in der Tat nicht: Lange zögerte sie, sich an dem Kampf gegen den "Islamischen Staat" zu beteiligen. Wohl auch, weil die Terrorgruppe zu den Feinden des Türkei-Feindes Assad zählt. Als die Türkei dann im Sommer doch mit Luftangriffen begann, bombardierte sie Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK gleich mit. Wie aus NATO-Kreisen verlautet, musste sich das Mitglied Türkei dafür hinter verschlossenen Türen jede Menge Kritik anhören. Offiziell sagt NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg: "Die Türkei ist der NATO-Verbündete, der am meisten von dem Kampf in Syrien und im Irak betroffen ist. Sie arbeitet jetzt eng zusammen mit der US-Koalition im Kampf gegen den IS."

EU kann kaum Druck ausüben

Das Militärbündnis mischt sich nur selten in die Außenpolitik eines Mitgliedsstaates ein. Die EU hingegen kritisierte die Türkei offen für ihr Vorgehen gegen die Kurden. Jetzt haben die Europäer vor allem jede Menge Wünsche: insbesondere soll die Türkei ihre Grenzen so gut es geht abriegeln, damit nicht täglich tausende Flüchtlinge die - oft lebensgefährliche - Reise in die EU antreten. Was ja auch unmittelbar mit dem Syrien-Krieg zu tun hat: "Es ist schwierig für die EU, irgendwie Druck auf die Türkei auszuüben", sagt Paul. "Dafür fehlen die Hebel. Die EU wünscht sich, dass Frieden und Stabilität zurückkehren in Syrien, mit einer - soweit das denkbar ist - demokratischen Regierung. Die Türkei will eher eine Führung mit derselben Ideologie: eine sunnitische Regierung."

Ein Kampfjet der türkischen Armee startet vom Luftwaffenstützpunkt Incirlik | Bildquelle: AFP
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Lange hatte die Türkei gehofft, sich aus dem Kampf gegen den IS heraushalten zu können. Inzwischen schloss sich der NATO-Staat der US-geführten Anti-IS-Koalition an, hier startet ein Kampfjet vom Luftwaffenstützpunkt Incirlik.

Die EU sucht trotz aller Probleme wieder ein bisschen mehr Nähe zur Türkei, auch wegen Syrien. Was Russland angeht, so ist von mehr Nähe bislang wenig zu spüren, trotz Syrien. Denn eigentlich haben USA, EU und Moskau mit dem "Islamischen Staat" zumindest einen gemeinsamen Feind.

Vielmehr sieht es derzeit eher so aus, als würden sich statt einer einzigen, gewaltigen Anti-IS-Koalition zwei unterschiedliche herauskristallisieren, die sich gegenseitig Konkurrenz machen: eine westlich-arabische und eine russisch-iranische. Syrien ist und bleibt kompliziert.

Erdogan besucht EU in Brüssel: Gespräche über Syrien-Konflikt
Kai Küstner, NDR Brüssel
05.10.2015 00:09 Uhr

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