Flagge der Türkei | Bildquelle: Nitschmann

Nach abgeschossenem Kampfjet Türkei leidet unter russischen Sanktionen

Stand: 06.12.2015 18:15 Uhr

Bis vor kurzem war die Türkei bei Russen ein beliebtes Reiseziel - doch mit den Moskauer Sanktionen hat sich das geändert. Türkische Hoteliers sehen ihre Existenz bedroht. Und nicht nur die Reisebranche leidet.

Von Thomas Bormann, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Der Istanbuler Reiseveranstalter Ceylan Pirincioglu weiß jetzt schon: 2016 wird für die Türkei eine schlechte Saison. Denn im kommenden Jahr werden nicht wie in den vergangenen Jahren vier Millionen russische Touristen an die türkischen Strände kommen. Wenn es schlecht läuft, kommen gar keine Gäste aus Russland.

"Selbst wenn sich die Lage jetzt schnell entspannt - viele russische Reiseveranstalter haben bereits entschieden, die Türkei aus ihrem Programm zu nehmen. Es wird Zeit brauchen, den russischen Markt zurückzugewinnen. Wenn im kommenden Jahr weniger oder keine russischen Touristen kommen, trifft uns das doppelt. Denn wenn hier viele Hotelbetten leer bleiben, werden Reiseveranstalter aus anderen Ländern, zum Beispiel aus Deutschland, Preissenkungen fordern", sagte Pirincioglu.

Badende an der Ägäisküste in der türkischen Provinz Aydin | Bildquelle: picture alliance / AA
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Badende an der Ägäisküste: Die türkischen Reiseveranstalter sehen 2016 mit großen Sorgen entgegen.

Existenzbedrohend - auch für Obst- und Gemüsebauern

Niedrigere Preise und vergleichsweise leere Strände: Was die Touristen freut, ist für Hoteliers und Reiseveranstalter in der Türkei existenzbedrohend. Jetzt schon hart getroffen ist eine andere Branche.

Ali Kavas von der Union der türkischen Obst- und Gemüse-Exporteure klagt: "An Grenzübergängen, in Hafendepots, in Lastwagen und in unseren Lagern befinden sich derzeit rund 190.000 Tonnen frisches Obst und Gemüse, das eigentlich nach Russland geliefert werden soll. Diese Produkte haben einen Marktwert von 150 Millionen Euro."

Lkws aus der Türkei stauen sich vor der russischen Grenze auf der georgischen Heerstraße im Kaukasus. | Bildquelle: AFP
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Lkws aus der Türkei stauen sich vor der russischen Grenze in Georgien, durch das ein großer Teil des Transits zwischen beiden Ländern verläuft (Foto vom 26. November 2015).

Preise für Tomaten im Sinkflug

Was im Tourismus gilt, gilt auch auf dem Obstmarkt: Wenn das Angebot plötzlich größer ist als die Nachfrage, sinken die Preise: "Für meine Tomaten bekomme ich schon jetzt deutlich weniger. Die Preise sind um gut 20 Prozent gesunken. Statt 1,70 Lira pro Kilogramm bekomme ich jetzt 1,30 bis 1,40", sagt ein Obsthändler. Umgerechnet bekommt er nur noch etwa 40 Cent pro Kilo Tomaten.

Tomaten werden auf einem Markt in Istanbul verkauft. | Bildquelle: dpa
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Türkische Obst- und Gemüsebauern befürchten massive Einbußen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte in der vergangenen Woche angedroht: Es wird nicht bei einem Tomaten-Embargo bleiben. Russland werde also noch ganz andere Sanktionen verhängen.

Viele türkische Bürger machen sich Sorgen, Russland könnte den Gashahn zudrehen. Das nämlich würde die türkische Wirtschaft hart treffen. Fast 60 Prozent des Gases bezieht die Türkei aus Russland. Wenn die Gaslieferungen ausbleiben, müssten Firmen ihre Produktion einstellen und Zigtausende Heizungen in der Türkei würden ausfallen.

"Rechne nicht mit einer Gassperre"

Doch der Istanbuler Professor Akin Ünver beruhigt: "Russlands Energiepolitik deckt sich nicht immer mit der russischen Außenpolitik. Man denke an Georgien. Die Beziehungen Russlands zu Georgien waren wirklich sehr schlecht - dennoch hatte Russland den Gashahn nicht zugedreht. Unter den Abnehmern des russischen Gases hat die Türkei einen hohen Anteil von bis zu 20 Prozent. Wenn Russland kein Gas mehr in die Türkei liefern würde, würde es auf 20 Prozent seiner Einnahmen aus dem Gasexport verzichten. Das werden die nicht tun. Ich rechne nicht mit einer Gassperre."

Dennoch: Die türkische Regierung schaut sich bereits nach Alternativen um. Das Projekt einer neuen Gaspipeline von Russland in die Türkei liegt erst einmal auf Eis. Stattdessen soll die bereits im Bau befindliche Gaspipeline von Aserbaidschan in die Türkei schneller als geplant fertig werden. Das vereinbarte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu bei seinem Besuch in der vergangenen Woche in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku.

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