Die türkische Flagge am Taksim-Platz in Istanbul | Bildquelle: dpa

Nach gescheitertem Putsch Türkei - Land der "Säuberungen"

Stand: 11.09.2016 07:32 Uhr

Seit dem gescheiterten Putsch Mitte Juli sind in der Türkei Zehntausende Lehrer entlassen oder suspendiert worden, mehr als 2300 Professoren und Dozenten mussten ihre Hochschulen verlassen. Einen Grund erfahren sie nicht immer - der Ausnahmezustand macht's möglich.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul

Minutenlang applaudieren Dozenten und Professoren den geschassten Kollegen. 19 Lehrkräfte der Kocaeli-Universität, die sich gut eine Stunde östlich von Istanbul befindet, verlassen die Bildungseinrichtung. Sie sind entlassen worden.

Sie sei traurig, sagt Zelal Ekinci. Zu unterrichten sei ihr wichtig gewesen, bekennt die Professorin für Kinderheilkunde. "Ich denke, es ist ein würdevoller Abschied. Schämen sollten sich jene Würdelosen, die das in die Wege geleitet haben. Mehr will ich nicht sagen." Ekinci hat Tränen in den Augen. Eine Studentin versucht, sie zu trösten.

Türkische Regierung verspricht schnellen Ersatz

Zehntausende Schullehrer sind seit Mitte Juli suspendiert oder entlassen worden. Mehr als 2300 Professoren, Dozenten und akademisches Personal mussten ihre Hochschulen verlassen. Die entlassenen und suspendierten Lehrer an Schulen und Universitäten würden nahtlos ersetzt, versichert die türkische Führung. Möglicherweise quantitativ, aber wahr­scheinlich nicht qualitativ, befürchtet Onur Hamzaoğlu. Er will seinen Studenten weiterhin zur Verfügung stehen.

"Wir haben den Beamtenstatus verloren und sind fristlos entlassen worden", sagt Hamzaoğlu. "Wir sind 19 Kollegen von der Kocaeli-Universität. Wir haben ein Büro angemietet, um dort unseren Studenten Nachhilfe geben und unsere wissenschaftlichen Arbeit fortsetzen zu können."

Petition wird zum Verhängnis

Onur Hamzaoğlu ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Epidemiologie. Ihm werden nicht Verbindungen zur in der Türkei Cema’at genannten Gülen-Bewegung vorgeworfen, sondern, dass er Anfang des Jahres eine Petition unterzeichnet hat, die zum Ende der Gewalt im kurdischen Südosten des Landes aufrief. Das wurde allen 19 Hochschullehrern der Kocaeli-Uni zum Verhängnis.

Sie sei um die akademische Zukunft ihres Landes besorgt, erklärt Nilay Etiler, die Mitglied im regierungskritischen Ärzte­verband ist. "Die über 2000 Akademiker, die die Friedenspetition unterzeichnet haben, sind allesamt kritische Geister und Menschen, die sich um das Wohl der Gesellschaft sorgen", sagt Etiler. "Wenn solche Leute ihre Fakultäten räumen müssen, dann kann man diese Orte nicht mehr Universitäten nennen, sondern nur noch Berufsschulen oder Gym­nasien."

Nicht nur Gülen-Anhänger betroffen

Man habe sie gefragt, ob sie ihre Tat bereuten, erzählt der Gerichtsmediziner Ümit Biçer. "Ja, wir haben bereut - aber nicht, dass wir die Petition unterzeichnet haben, sondern, dass es uns nicht gelungen ist, in diesem Land das Blutvergießen zu stoppen." Die von Präsident Erdoğan noch in der Nacht des gescheiterten Umsturzversuchs angekündigte "Säuberung" betrifft längst nicht nur mutmaßliche Anhänger von Fethullah Gülen.

In Diyarbakir im Südosten des Landes sind Tausende auf die Straße gegangen, um gegen die Entlassung von 11.000 Lehrern zu protestieren. Ihnen wird die Nähe zur verbotenen PKK unterstellt.

"Sie wollen keine säkulare, wissenschaftliche und demokratische Erziehung", stellt Canan Badem bitter fest. "Sie suspendieren genau die Leute, die so unterrichten, um solch eine Erziehung zu verhindern. Deshalb werden Akademiker und Lehrer entlassen."

"Frieden fordern gilt offenbar als Terror"

Der Ausnahmezustand mache es möglich, erklärt Ümit Biçer, der auch führendes Mitglied im Menschenrechtsverein IHD ist. "Wir wissen bis heute nicht, was uns eigentlich vorgeworfen wird und warum man uns aus dem öffentlichen Dienst entlassen hat", sagt Biçer. "Eine terroristische Straftat liegt offenbar dann vor, wenn man in diesem Land Frieden fordert. Das gilt als Terror."

Die entlassenen Akademiker würden durch die fristlose Kündigung unter den gegebenen Umständen gebrandmarkt, befürchtet Nilay Etiler. "In den Sozialversicherungsunterlagen unserer entlassenen Kollegen von Privatunis wurde vermerkt, dass sie zur Zeit des Ausnahmezustands entlassen worden sind", sagt Etiler. "Das wird sich auf die Jobsuche auswirken. Und das Gleiche droht uns auch."

In Erdogans "Reich der Säuberungen"
R. Baumgarten, ARD Istanbul
11.09.2016 10:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtet der Weltspiegel heute Abend um 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichteten der Weltspiegel am 11. September 2016 um 19:20 Uhr.

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