S-400 | Bildquelle: AFP

Türkisch-russischer Rüstungsdeal Türkei brüskiert die NATO

Stand: 12.09.2017 20:21 Uhr

Sie zählen zu den modernsten Luftabwehrsystemen: russische Raketen vom Typ S-400. Nun kauft das NATO-Land Türkei S-400 und brüskiert die Partner. Es könnte der NATO aber auch Zugang zu wertvollen Informationen verschaffen.

Von Sebastian Schöbel, ARD-Studio Brüssel

Mit einem lauten "Klack-Klack" wird die Rakete aus ihrem Abschusscontainer am Ende eines Lkw katapultiert. Nach einigen Metern in der Luft zündet sie und rast ihrem Ziel entgegen.

Es ist der Stolz der russischen Luftabwehr, das System S-400 "Triumf": Auf YouTube kann man es auf etlichen Videos sehen, oft hochgeladen von Fans russischer Wehrtechnik und nicht selten erstellt mit offiziellem Filmmaterial der russischen Streitkräfte.

Das S-400 ist laut Militärexperten - und zwar nicht nur in Moskau - das derzeit wohl fortschrittlichste Luftabwehrsystem der Welt: Reichweite angeblich bis zu 400 Kilometer, einsetzbar gegen fast alles, was fliegt: Ballistische Raketen, Kampfjets, selbst Tarnkappenflugzeuge.

Die NATO nennt es SA-21, Codename "Growler" (Brummbär). Die Allianz muss nun mit ansehen, wie ein Mitglied der NATO, die Türkei, genau dieses System anschafft - gegen den expliziten Wunsch der Militärallianz.

Nicht kompatibel mit NATO-Luftabwehr

"Das ergibt eine Gemengelage, bei der man auf NATO-Seite durchaus besorgt sein muss", sagt Ulrich Kühn, Abrüstungsexperte und Friedensforscher bei der Carnegie-Stiftung.

Denn das S-400-System ist nicht mit der NATO-Luftabwehr kompatibel, so Kühn. Ein Beitrag zum Raketenabwehrschirm des Westens ist es also nicht. "Damit macht die Türkei deutlich, dass sie sich als regionaler Player versteht, der Eigeninteressen verfolgt und zwangsläufig nicht danach geht, was die NATO in der Region will."

Der Kauf ist auch ein politisches Signal an die Partner: Wir können auch ohne euch! Zwei alternative Waffensysteme wurden der Türkei angeboten, ein US-amerikanisches und ein europäisches mit deutscher Raketentechnik. Doch in beiden Fällen lehnten es die Hersteller ab, der türkischen Seite Einblicke in die Technik zu erlauben oder diese gar mit der türkischen Waffenindustrie weiterzuentwickeln.

NATO-Hauptquartier in Brüssel | Bildquelle: dpa
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In Brüssel sieht man das Rüstungsgeschäft mit Sorge. (Archiv)

Markt für Luftabwehrsysteme

Inzwischen hat die Bundesregierung sogar fast alle Rüstungsexporte in die Türkei eingestellt, wie Bundesaußenminister Sigmar Gabriel dem "Handelsblatt" bestätigte. "Die großen Anträge, die die Türkei zurzeit an uns stellt - und das sind wirklich nicht wenige - haben wir alle 'on hold' gestellt."

Denn der Türkei angesichts der aktuellen politischen Lage Waffen zu verkaufen sei "nicht zu verantworten", so Gabriel.

Russland hingegen stellt für den S-400-Verkauf keine Bedingungen. Im Gegenteil: Die Türkei erhält zwei S-400-Batterien plus die Lizenz, weitere Systeme in der Türkei zu bauen. "Das bedeutet, dass sich die Türkei eine Tür öffnet für einen sehr wichtigen und wachsenden Markt, den der Luftabwehrsysteme", sagt Abrüstungsexperte Kühn.

Denn an einem eigenen Luftabwehrsystem arbeitet die Türkei schon länger, bisher aber ohne Erfolg - auch weil die westlichen Partner nicht mitmachen wollten.

Ein Raketensystem des Typs "S-400 Triumph" fährt auf dem Roten Platz in Moskau | Bildquelle: dpa
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Bis die S-400 der Türkei zur Verfügung stehen, vergehrt noch einige Zeit.

Wertvolle Informationen für die NATO

Türkische Militärexperten gehen allerdings davon aus, dass die Türkei das S-400-System auch braucht, um Lücken in seiner Luftverteidigung zu stopfen. Bislang basiert die nämlich vor allem auf Kampfpiloten - von denen aber viele nach dem gescheiterten Putsch entlassen wurden, wegen angeblicher Kontakte zu den Putschisten. Nun fehlen sie in den Cockpits und die Türkei muss vor allem ihre Abwehr gegen ballistische Raketen neu ordnen.

Zudem könnte die NATO durch den Deal selbst wertvolle Informationen über das S-400-System erhalten - und es womöglich sogar in eigenen Manövern einsetzen, um sich dagegen zu wappnen.

Allerdings ist offen, wann die Türkei die erste S-400-Batterie aufstellen kann: Die Waffe wird quasi nur auf Bestellung gebaut, zudem warten bereits China und Indien auf die von ihnen bestellten Systeme. Vor 2019, so Experten, wird man den Einsatz eines S-400 wohl auch nur bei YouTube sehen können.

Türkei kauft Putins Premium-Waffe S-400
Sebastian Schöbel, ARD Brüssel
12.09.2017 16:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. September 2017 um 20:00 Uhr.

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