Plakate in der Türkei | Bildquelle: AP

Referendum in der Türkei Die Nein-Partei

Stand: 01.04.2017 13:25 Uhr

Die Nein-Partei des Ex-AKP-Mitglieds Beklevic will die Verfassungsreform in der Türkei verhindern. Das ist ihr einziger Zweck - und dafür reist Beklevic durch das ganze Land. Doch der Kampf um Stimmen gegen Erdogan ist mühsam.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Eine Kleinstadt im Hinterland des Schwarzen Meeres: Tuna Beklevic betritt einen Versammlungsraum der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP. Beklevic ist theoretisch politische Konkurrenz, doch hier ist er gern gesehen. Das liegt zum einen daran, dass er ebenso wie die CHP für ein Nein beim Verfassungsreferendum wirbt. Zum anderen will Beklevic seine Nein-Partei nach dem Referendum sofort wieder auflösen.

Außerdem zielt seine politische Arbeit nur auf einen kleinen Teil der Bevölkerung: "Ja- und Nein-Sager liegen in etwa gleichauf. Wir versuchen erst gar nicht, die knapp 50 Prozent Ja-Sager anzusprechen. Sondern nur die drei bis vier Prozent unentschiedenen Wähler. Das können wir auch schaffen", erklärt Beklevic.

Von Dorf zu Dorf

Beklevic war Mitglied der Regierungspartei AKP und sogar mal enger Mitarbeiter eines AKP-Ministers. Jetzt zieht der 40-jährige von Provinz zu Provinz, von Dorf zu Dorf. Rund 60 der 81 Provinzen hat er bereits einen Besuch abgestattet. Stets beäugt von Polizisten in Zivil. Nicht immer sei es einfach, für ein Nein zu werben: "Wir wollten in der Stadt Yozgat eine Pressekonferenz abhalten, in letzter Minute hat der Hotelbesitzer Nein gesagt. Sämtliche Cafes in Yozgat haben uns abgelehnt. Dann mussten wir die Pressekonferenz vor einem Friedhof veranstalten."

Dieses Mal hat Beklevic bessere Bedingungen - aber auch kritische Zuhörer. Häufig hört er, Präsident Recep Tayyip Erdogan habe doch so viel Gutes für die Türkei getan. Beklevic widerspricht dann nicht. Aber er gibt auch zu bedenken, dass Erdogan die Spaltung der Gesellschaft weiter vorangetrieben habe. Das bereite ihm Sorgen: "Er hat solche tiefen Gräben geschaffen, dass kein wirkliches Miteinander mehr möglich ist. Wenn das Nein gewinnt, ist die Chance größer, dass man das Land am Ende wieder versöhnen kann."

"Wie kann ich Terrorist sein?"

Andere Zuhörer regen sich darüber auf, dass die Regierung Nein-Sager in die Nähe von Terroristen rückt. "Wie kann ich in meinem Alter ein Terrorist sein?", fragt ein 84 jähriger Mann. Beklevic meint, die jüngsten Spannungen mit Europa habe die Regierung bewusst inszeniert. Doch sie sei selbst überrascht, dass vor allem eher das Nein-Lager profitiere.

Beklevic erklärt das so: Viele Menschen hätten sich dadurch ein genaueres Bild machen können, was eine Ein-Mann-Herrschaft bedeuten würde: "Wer das Schicksal der Türkei alleine in die Hände von Erdogan legen will, stimmt mit Ja. Wir sagen Nein, weil nur so das parlamentarische System erhalten werden kann", sagt Beklevic und steigt in sein Auto. Es geht zur nächsten Kundgebung. Die Tage bis zum Referendum sind gezählt.

Zu diesem Thema wird es morgen, 02. April, ab 12.45 Uhr einen Beitrag im Europa-Magazin der ARD geben.

Nein-Partei in der Türkei
C. Buttkereit, ARD Istanbul
01.04.2017 08:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 02. April 2017 um 12:45 Uhr.

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