Türkischer Panzer in Syrien | Bildquelle: dpa

Ankaras Interessen Warum die Türkei in Syrien kämpft

Stand: 02.03.2017 21:05 Uhr

Im Kampf gegen den IS mischt die Türkei kräftig mit - auch, um den Einfluss kurdischer Gruppen zu begrenzen. Die Kurden - laut Türkei Terroristen - wiederum werden von den USA unterstützt. Das birgt einige politische Sprengkraft.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul

Türkei will eine entscheidende Rolle bei der Erstürmung der syrischen IS-Hochburg Rakka spielen: "Wenn unsere Verbündeten den Kampf gegen den IS ernst meinen, dann ziehen wir da mit", versicherte dieser Tage Präsident Recep Tayyip Erdogan. Wichtig sei, dass Rakka vom IS befreit und den wahren Bewohnern übergeben werde. Die Stadt wird mehrheitlich von sunnitischen Arabern bewohnt. Ankaras größte Sorge besteht darin, dass Rakka von Einheiten der syrisch-kurdischen YPG befreit werden könnte. Diese Volksverteidigungseinheiten sind der militärische Arm der "Partei der Demokratischen Union" (PYD).

Die syrisch-kurdische PYD gilt Ankara als Ableger der PKK und wird von der türkischen Führung als Terrororganisation bezeichnet. Regierungschef Binali Yildirim warnt deshalb in Richtung Washington: "Wenn terroristische Verbände eingesetzt werden, machen wir bei diesen Operationen nicht mit. Erst recht nicht, wenn es sich um den syrischen Ableger der niederträchtigen Terrororganisation PKK handelt."

Türkisches Militär und Kämpfer der Freien Syrischen Armee vor der vom IS besetzten Stadt Al-Bab | Bildquelle: REUTERS
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Türkisches Militär und Kämpfer der Freien Syrischen Armee vor der vom IS besetzten Stadt Al-Bab

Kämpfer der Kurdenmiliz YPG in Syrien | Bildquelle: AP
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Kämpfer der Kurdenmiliz YPG in Syrien: Die Türkei sähe die Kurden lieber nicht an vorderster Front im Kampf gegen den IS

Das Verhältnis zu Washington steht auf dem Spiel

Mit der PKK hat die Regierung bis zur Wahlschlappe der Regierungspartei AKP im Juni 2015 offiziell verhandelt - danach erklärten beide Seiten den bis dahin geltenden Waffenstillstand für beendet. Die türkisch-kurdische PKK ist eng mit der syrisch-kurdischen PYD verbandelt. Für Ankara sei eine Zusammenarbeit mit der PYD im Kampf gegen die IS-Terrormiliz daher völlig inakzeptabel, betont Yildirim: "Im Kampf gegen eine Terrororganisation wird eine andere Terrororganisation eingesetzt. Wie soll am Ende diese Terrororganisation aufgelöst werden? Das widerspricht der strategischen Partnerschaft zwischen der Türkei und den USA."

Washington bezeichnet die syrisch-kurdische PYD nicht als Terrororganisation. Deren YPG-Milizen gelten dem Pentagon im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" als zuverlässigste Kämpfer am Boden. Vor wenigen Tagen erst hat sich US-General Joseph Votel mit PYD-Kommandeuren getroffen. Seit dem Amtsantritt Donald Trumps war dies die erste Reise des Befehlshabers der US-Streitkräfte im Nahen Osten ins nordsyrische Kurdengebiet.

Ankara hegt große Hoffnungen, dass der neue US-Präsident die Zusammenarbeit des US-Militärs mit den YPG-Milizen aufkündigt. Seit August vergangenen Jahres kontrollieren Einheiten der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) die nordsyrische Region Manbij, aus der sie mit US-Hilfe die IS-Terrormiliz vertrieben haben.

Die USA müssen sich entscheiden

Stärkste Kraft innerhalb der SDF sind die kurdischen YPG-Milizen. Präsident Erdogan fordert daher: "Wir haben unseren amerikanischen Verbündeten gesagt, dass sich PYD und YPG unbedingt in ein Gebiet östlich des Euphrats zurückziehen müssen und nicht in Manbij bleiben dürfen. Die USA haben uns mehrfach versichert, dass sie sich zurückziehen werden. Aber geschehen ist noch gar nichts."

Türkische Medien berichten unter Berufung auf SDF-Quellen, US-General Votel habe die Zusammenarbeit mit den SDF-Kämpfern bekräftigt, weitere logistische und militärische Unterstützung sowie schwere Waffen im Kampf gegen den IS zugesagt. Erdogan reagierte auf den geheim gehaltenen Trip von US-General Votel mit der Drohung, nach der Einnahme der IS-Bastion al-Bab nun die YPG-Bastion Manbij ins Visier zu nehmen: "Unser nächster, bereits zuvor festgelegte Schritt, ist Manbij. Die Stadt gehört den Arabern, nicht der YPG."

Zwei Wege sehen türkische Militärs zur IS-Hochburg Rakka: Von der mit großen Mühen und hohem türkischem Blutzoll - etwa 70 türkische Soldaten wurden getötet - eroberten IS-Bastion al-Bab durch die Region Manbij oder durch den syrisch-kurdischen Kanton Kobane. In beiden Fällen wäre eine massive Konfrontation mit der YPG unvermeidlich.

"Was haben wir überhaupt in Rakka verloren? Warum wollen wir dahin?", fragt der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu, der einen Rakka-Feldzug grundweg ablehnt. Er meint: "Sie sprechen von einem Feldzug gegen Rakka. Auf welche Kinder setzt ihr bei diesem Vorhaben? Auf die Söhne der Armen und Mittellosen? Schickt erst einmal eure eigenen Söhne nach Rakka. Dann geben wir euch unseren Segen. Nehmt Eure Söhne und zieht gegen Rakka."

Moskau wartet schon

US-Präsident Trump hat versprochen, die IS-Terrormiliz vom Antlitz der Erde zu tilgen. Ohne die Eroberung Rakkas wird das nicht gelingen. Ankara und die YPG ins Boot zu holen, ist schwer möglich. Ankara verfügt in ausreichender Zahl über die nötigen schweren Waffen, die gegen die geschätzten gut 10.000 IS-Terroristen in Rakka benötigt werden und müsste sich gegebenenfalls mit 8000 bis 9000 Mann am Sturm auf Rakka beteiligen.

Setzt Trump allein auf die Türkei und lässt die Kurden fallen, fänden diese sofort in Russland einen neuen willigen Partner, der sie stärken und auch nötigenfalls gegen die Türkei ausrüsten könnte. Moskau hat unlängst eine Konferenz für kurdische Vertreter aus der Türkei, Syrien, dem Irak und dem Iran abgehalten. Zudem hat Moskau gemeinsam mit der syrisch-kurdischen PYD einen Entwurf für eine neue syrische Verfassung erstellt. Die Befreiung Rakkas von der IS-Terrormiliz ist also nicht nur ein militärischer, sondern auch ein poltischer Kraftakt mit vielen Unwägbarkeiten.

Ankaras Drang nach Rakka

02.03.2017 19:54 Uhr

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