Demonstration in Istanbul gegen die Festnahmen von Akademiker, Anwälten und Journalisten | Bildquelle: AFP

Akademiker in Türkei vor Gericht Friedensaufruf als Verbrechen

Stand: 05.12.2017 03:01 Uhr

Mehr als 1000 türkischen Akademiker unterschrieben 2016 einen Friedensappell für die Kurdengebiete. Viele von ihnen verloren daraufhin ihre Arbeit, einige flüchteten ins Ausland. Heute beginnt der erste Prozess. Der Vorwurf: Terrorpropaganda.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

"Wir werden siegen, weil wir immer und immer wieder Widerstand leisten werden", rufen die Demonstranten, als sie durch die Straßen von Istanbul ziehen - begleitet von einem großen Polizeiaufgebot. Einige Beamte sind in zivil, die anderen in voller Montur. Es sind fast mehr Polizisten da als Demonstranten.

Semra Celik ist eine der Demonstrantinnen. "Eigentlich sind wir viel mehr", sagt sie - "aber wir haben Kommunikationsschwierigkeiten. Alles wurde blockiert." Facebook, Twitter und Co. reichten einfach nicht, um wirklich viele Menschen auf die Straßen zu bringen. Und kaum eine Zeitung drucke in diesen Zeiten den Solidaritätsaufruf für die angeklagten und inhaftierten Akademiker, Journalisten und Anwälte ab.

Für die demonstriert auch Asli Odman. Auch sie hat den Friedensappell für die Kurdengebiete unterschrieben. Auch sie ist eine der weit über 100 angeklagten Akademiker. Ihr Prozess ist einer der ersten. Im Zehnminutentakt sollen die vielen Fälle in Istanbul verhandelt werden. Odman kennt das schon aus den Verhören: "Wir haben eine Art Parallelsitzungen gemacht, in dem, was man hierzulande Justizpaläste nennt - mehr Palast als Volksgebäude."

Kinder in der Stadt Silopi | Bildquelle: AFP
galerie

Januar 2016: Kinder in der überwiegend von Kurden bewohnten südosttürkischen Stadt Silopi blicken aus einem Haus, das mit Einschusslöchern übersät ist.

Seit einem Jahr ohne Job

Die junge Historikern nimmt kein Blatt vor den Mund, obwohl sie ihren Job noch hat - im Gegensatz zu Bülent Sik. Er ist einer der vielen Akademiker, die wegen des Friedensappells entlassen wurden. Seit einem Jahr lebt er vor allem von seinem Ersparten.

Wie lange er das noch durchhalte, wisse er nicht. Er komme irgendwie zurecht. Man könne nicht sagen, wie es weitergehe. "Für mich ist das aber auch nicht so wichtig, weil sich ja irgendwann etwas ändern muss", sagt er. Außerdem nehme er Gelegenheitsjobs an, kleine Schreibaufträge. Die seien zwar nicht gut bezahlt, aber er komme über die Runden.

Sik ist noch nicht angeklagt: Die Fälle in Antalya, wo er lebt, kämen später dran, erzählt er.

"Jetzt ist die beste Zeit"

Der Friedensaufruf sei Terrorpropaganda gewesen, so die Vorwürfe. Darauf stehen mehrere Jahre Gefängnis. Die junge Historikerin Odman schockiert das nicht. Sie hoffe nicht, dass es so schlimm komme. Aber die Zeiten kämen und gingen - es komme darauf an, wie man damit umgehe: "Ich schaue darauf, was ich in Kollektiven machen kann - und nicht darauf, was der Staat macht."

Von Angst spürt man in ihren Worten nichts - im Gegenteil: Die zierliche Frau wirkt kämpferisch. Diese schwere Situation schweiße zusammen, sagt sie: "Jetzt ist die beste Zeit, um Wissenschaft zu betreiben. Und es ist die beste Zeit, um Journalismus zu betreiben. Und es ist beste Zeit, Anwalt zu sein. Es gibt eine große Energie, zusammen zu sein."

"Wir haben einen wahnsinnigen Druck"

Auch Semra Celik betont: Angst habe sie nicht, obwohl ihr Mann zehn Monate im Gefängnis war: "Wir haben einen wahnsinnigen Druck. Wir können nicht einmal frei telefonieren. Wir wissen alle, dass wir verfolgt sind." Aber sie hätten wirklich keine Angst.

Ihr Mann Önder arbeitet bei der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet". Er kam zwar im Sommer frei - der Prozess gegen ihn und Kollegen läuft aber noch. Seine Erwartungen an ein faires Verfahren sind nicht groß: "Da haben wir Zweifel", sagt er. "Diese Zweifel gab’s schon im Journalistenprozess, also unserem, dem 'Cumhuriyet'-Prozess. Und auch was die Akademiker angeht, glaube ich nicht, dass das auf den rechten Weg kommen wird, solange sich Justiz und Rechtssystem in der Türkei nicht normalisieren."

Im "Cumhuriyet"-Prozess ist auch der bekannte Journalist Ahmet Şik angeklagt, der seit knapp einem Jahr in Haft ist. Es ist Bülent Şiks Bruder. Der ist sich der Belastung für seine Familie bewusst: "Es ist vor allem für meine Eltern schwer, weil sie schon sehr alt sind. Ansonsten geht's uns aber gut, unser Leben geht weiter, wir haben Kinder."

Damit die eine Zukunft in der Türkei haben, fordern sie "Adalet" - "Gerechtigkeit" - und zwar jetzt und sofort.

Akademiker in der Türkei vor Gericht
Karin Senz, ARD Istanbul
05.12.2017 03:01 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell (BR) am 05. Dezember 2017 um 06:20 Uhr.

Ihre Meinung - meta.tagesschau.de

Korrespondentin

Karin Senz, SWR Logo SWR

Karin Senz, SWR

Darstellung: