Gezi-Park: "Hier geht es um unsere Freiheit"

Türkei Protest Wasserwerfer (Bildquelle: REUTERS)

Bei den Besetzern des Gezi-Parks

"Hier geht es um unsere Freiheit"

Noch kurz vor der Räumung gleicht der Gezi-Park einem fröhlichen Festivalgelände. Wenige Stunden später können die Besetzer nicht fassen, mit welcher Gewalt der türkische Staat gegen sie vorgegangen ist. Aufgeben wollen sie jedoch nicht.

Von Marjan Parvand, ARD-aktuell, zzt. Istanbul

Taksim-Platz in Istanbul (Bildquelle: AP)
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Am Morgen nach der Räumung sammelten sich Polizeikräfte am Taksim-Platz.

Wie um sich zu vergewissern, dass sie alle noch da sind, setzt immer wieder rhythmisches Klatschen ein. Einer fängt an und nach und nach klatschen Tausende mit. Minutenlang geht es so. Es ist kurz nach Mitternacht in Istanbul - gegen 20:30 Uhr hatte die Räumung des Gezi-Parks begonnen - die Stunden danach sind eine einzige Jagd der Polizei auf Protestierende. Denn die Staatsgewalt will an diesem Abend nicht nur die Besetzung des Parks beenden, sie scheint auch den Auftrag zu haben, jeglichen Protest in der Stadt im Keim zu ersticken.

Demonstranten wollen nicht aufgeben

Vom Gezi-Park und dem Taksim-Patz ausgehend verdrängt sie systematisch mit Wasserwerfern und Tränengas die Demonstranten. Aber von der Istiklal Cadesi, der Flaniermeile im europäischen Teil Istanbuls, wollen die Protestierenden nicht so leicht weichen."Hier geht es nicht nur um einen Park - hier geht es um unsere Freiheit. Dieser Ministerpräsident führt sich wie ein Diktator auf!"

Alpe, der das erzählt, ist 19 Jahre alt und ihm tränen die Augen. Auch er eine kräftige Portion Tränengas abbekommen. Auf einem Mauervorsprung sitzend versucht er gerade über Twitter seine restlichen Freunde ausfindig zu machen. Tweet gefunden: Nächster Treffpunkt sei Balyoz, Ecke Istiklal. Er zeigt in Richtung Galata-Turm.

Protestierende aus allen Schichten

Demonstrant im Gezi-Park (Bildquelle: AFP)
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Die Parkbesetzer stammen aus allen Altersklassen.

Es sind junge und alte, Frauen und Männer, die in dieser Nacht auf den Straßen Istanbuls  protestieren; erkennbar an ihren Plastikbauhelmen, Schutzbrillen und Atemmasken - Schutzmaßnahmen gegen die Staatsgewalt. Ihre Schlachtrufe hallen durch die kleinen Gassen rund um die Istiklal. Zwei sind bezeichnend für das, was gerade in der Türkei geschieht."Wir stehen hier Schulter an Schulter gegen den Faschismus!" und "Tayyip tritt ab!"

Die Türken sind eine stolze Nation. Sie bezeichnen sich gerne als die einzige Demokratie in dieser Region der Welt. Wie groß muss also die Wut auf den eigenen Staat sein, wenn dieser nur noch als faschistoid gebrandmarkt wird? Und wie groß muss die Enttäuschung über Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sein, wenn dieser nur noch verächtlich mit seinem zweiten Vornamen genannt und dessen sofortige Abdankungen von den Massen verlangt wird?

Erdogans Gegner fühlen sich nicht ernst genommen

Der türkische Ministerpräsident Erdogan bei seiner Rede in Sincan. (Bildquelle: REUTERS)
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Der türkische Ministerpräsident Erdogan bei seiner Rede in Sincan.

"Tayyip behandelt uns wie kleine Kinder", erzählt Asena, eine Studentin, die seit zwei Wochen im Gezi-Park kampiert. Sie kann es immer noch nicht fassen, dass Erdogan in seiner Rede in Ankara an die Eltern der Protestierenden appelliert hat. Sie sollten ihre Kinder doch wieder nach Hause holen."Mit seiner Wortwahl macht er doch klar, dass er weder den Protest noch uns ernst nimmt."

Asena jedenfalls will nicht nach Hause, stattdessen macht sie den Platz vor ihrem Zelt sauber, um dort mit Freunden etwas zu essen. Noch wenige Stunden vor der Räumung gleicht der Gezi-Park teilweise einem Festivalgelände. Irgendetwas zwischen Rock am Ring und Tahrir-Platz liegt in der Luft.

Gemeinsames Ziel einigt Gegner

Demonstranten am Gezi-Park (Bildquelle: REUTERS)
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Die Demonstranten wurden mit Tränengas aus dem Gezi-Park vertrieben.

Neben Zelten der kommunistischen Partei, der Kurden und der Armenier sind auch die der Gewerkschaft der Filmemacher sowie der Feministinnen. Es gibt eine Essensausgabe, eine Krankenstation, einen Kindergarten, eine Bibliothek, einen Gemüsegarten und sogar einen Veterinär. "All das ist nur möglich, weil die Menschen aus der Nachbarschaft enorm mithelfen", berichtet eine Professorin für Medienwissenschaft, die um die Ecke vom Park wohnt. An diesem Nachmittag schleppt sie gerade zwölf Liter Wasser an den Stand der Filmemacher.

Der Gezi-Park übt sich in Solidarität aber auch in Basisdemokratie. Die letzte Sitzung der sogenannten Park-Plattform dauerte von acht Uhr abends bis vier Uhr morgens. Alles wurde diskutiert, vieles nicht abschließend. Die Professorin bezeichnet das als Stärke und Schwäche zugleich. Denn einerseits sei es wichtig, gerade jetzt demokratische Prinzipien in der Türkei zu leben, andererseits habe Erdogan so ein leichtes Spiel. Er könne immer behaupten, dass er nicht wisse, mit wem er reden soll, weil es nicht die eine Stimme gäbe.

Nach der Gewalt und den Ereignissen dieser Nacht ist es allerdings fraglich, ob dem türkischen Ministerpräsidenten überhaupt nach Reden ist. Der 64-jährige Haydar fasst das so zusammen: "Wie soll man mit einem Ministerpräsidenten reden, der immer nur von seiner Polizei spricht? Das ist nicht seine Polizei, sondern die Polizei des türkischen Volkes."

Mehr zum Thema heute um 20:00 Uhr in der tagesschau.

Stand: 16.06.2013 10:25 Uhr

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