Gezi-Park geräumt - Proteste gehen weiter

Türkei Protest Wasserwerfer (Bildquelle: REUTERS)

Viele Verletzte bei Polizeiaktion

Gezi-Park geräumt - Proteste gehen weiter

Bei der gewaltsamen Räumung des Gezi-Parks in Istanbul sind nach Schätzungen der Demonstranten Hunderte Menschen verletzt worden. Die Behörden berichteten dagegen , dass mindestens 44 Menschen in Kliniken behandelt werden mussten. Niemand sei jedoch schwer verletzt.

Von Christian Buttkereit, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

"Tayyip Istifa" - bis tief in die Nacht forderten Zehntausende Menschen den Rücktritt von Ministerpräsident Tayyip Erdogan, nicht nur in Istanbul, sondern auch in Ankara, Izmir, Mersin und Dutzenden anderen Städten der Türkei. In mehreren Istanbuler Stadtteilen lieferten sich Demonstranten bis in den Morgen Straßenschlachten mit der Polizei. Sie errichteten brennende Barrikaden, die Polizei schoss mit Gasgranaten und Gummigeschossen, setzte massiv Wasserwerfer ein. Die Auseinandersetzungen ergriffen auch Stadtteile, die bei den vorangegangenen Unruhen ruhig geblieben waren.

Polizei stürmt Gezi-Park in Istanbul
tagesschau 20:00 Uhr, 15.06.2013

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Mit Einbruch der Dunkelheit hatte die Polizei zunächst mit Wasserwerfern die Menschen vom Taksim-Platz vertrieben, dann stürmte sie nach einer kurzen Warnung den Gezi-Park. Dort hielten sich mehrere Tausend Menschen auf, darunter ältere Leute und Kinder. Sie ergriffen panikartig die Flucht. Ein Reporter des türkischen Nachrichtensenders  NTV musste aufgrund von Tränengas seine Livereportage unterbrechen. 

Konzertbesucher müssen aus Park flüchten

Taksim-Platz in Istanbul (Bildquelle: REUTERS)
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Die Demonstranten flohen vor den Einsatztrupps der Polizei.

Kurz zuvor war die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth in den Gezi-Park gekommen, um sich über die Protestbewegung zu informieren. Sie flüchtete mit anderen Parkbesuchern in ein nahegelegenes Hotel, das auch als Erste-Hilfe-Station diente. Wie Roth den Eingriff der Polizei erlebt hat, schilderte sie dem ARD-Hörfunk unmittelbar danach: "Wir sind dann in den Park, da war noch um halb neun ein Konzert. Dann haben sie aus allen Ecken das Tränengas in den Park rein geschossen." Viele Leute seien aus dem Park herausgelaufen, hätten versucht, sich in Sicherheit zu bringen. "Da ist dann systematisch Jagd drauf gemacht worden."

Demonstranten ordneten zuvor das Camp

Dabei hatten die Regierungskritiker unter Leitung der Taksim-Solidaritätsplattform am Samstagnachmittag begonnen, das Camp zu ordnen. Statt vieler kleiner Zelte sollte es ein großes geben, viele Transparente sollten verschwinden, der Park sollte ein ordentlicheres Erscheinungsbild erhalten. Damit wollten die Demonstranten der Regierung entgegenkommen. Beenden wollten sie ihren Protest im Gezi-Park aber nicht, hatten sie mehrheitlich entschieden.

Gouverneur spricht von problemloser Räumung

Der türkische Ministerpräsident Erdogan bei seiner Rede in Sincan. (Bildquelle: REUTERS)
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Erdogan wechselt in seinem Kurs zwischen immer neuen Drohungen und Signalen des Einlenkens.

Am Samstagnachmittag hatte der türkische Ministerpräsident Erdogan bei einer Parteiveranstaltung in Ankara die Demonstranten aufgefordert, den Park zu räumen. Andernfalls, so Erdogan, wüssten die Sicherheitskräfte, was zu tun sei. Nach dem Einsatz von mehreren Hundertschaften Polizei, zahlreichen Wasserwerfern und viel Tränengas zog der Istanbuler Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu noch in der Nacht Bilanz: "Es ist erfreulich, dass unsere Aktion im Gezi-Park äußerst ordentlich und problemlos binnen kurzer Zeit abgeschlossen werden konnte. Auch, dass die Demonstranten und Besucher den Park nach unseren Ankündigungen weitgehend geräumt haben. Nach einer kurzen Auseinandersetzung zwischen der Polizei und marginalen Gruppen wurde der Park geräumt. Ansonsten hat es keine Probleme gegeben."

Viele Festnahmen und Verletzte

Während Mutlu von 44 Verletzten spricht, hält die Taksim-Solidaritätsplattform diese Zahl für völlig untertrieben. Außerdem seien viele Menschen festgenommen worden. Bereits in der Nacht hatte die Stadtverwaltung begonnen, die Zelte im Gezi-Park abzureißen und die Spuren des mehr als zweiwöchigen Protestes zu entfernen.

Mit der brutalen Räumung sei Erdogan eindeutig zu weit gegangen, sagt die Grünen-Vorsitzende Roth: "Dieser Ministerpräsident hatte ja alle zwei, drei Tage angekündigt, er würde jetzt Zeichen setzen der Dialogbereitschaft. Dialog ist anders. Heute ist der Dialog mit Tränengas, Wasserwerfern und Prügeln kaputtgemacht worden. Erdogan hat alle Grenzen überschritten."

Weitere Protestaktionen angekündigt

Die Proteste sollen weitergehen. Einen Marsch von mehreren Tausende Menschen vom asiatischen Teil Istanbuls über die Bosporus-Autobahnbrücke Richtung Taksim stoppte die Polizei in der Nacht gewaltsam. Für heute Nachmittag haben Regierungskritiker zu einer Großkundgebung auf dem Taksim Platz aufgerufen. Der Gewerkschaftsdachverband KESK plant für morgen einen landesweiten Generalstreik.  Die Regierungspartei AKP hingegen organisiert am Abend eine Großkundgebung am Rande Istanbuls. Weitere Ausschreitungen sind nicht auszuschließen.  

Nächtliche Ausschreitungen nach gewaltsamer Gezi Park-Räumung
C. Buttkereit, ARD Istanbul
16.06.2013 09:01 Uhr

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Stand: 16.06.2013 13:09 Uhr

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