Türkei: Stiller Protest findet Tausende Nachahmer

Widerstand gegen türkische Regierung

Vereint im stummen Protest

Ein Künstler hat es vorgemacht - stundenlang verharrte er zu Wochenbeginn auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Dem stillen Protest gegen die türkische Regierung schlossen sich nun Tausende Menschen an - die Polizei blieb im Hintergrund.

Thomas Bormann, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

"Ich wollte nur meine innere Unruhe zum Ausdruck bringen", sagte der Performancekünstler Erdem Gündüz, nachdem er am Montag die ganze Nacht auf dem Taksim-Platz gestanden hatte - regungslos, ohne ein Wort zu sagen, stundenlang, mit den Händen in der Hosentasche.

Menschen stehen still auf dem Taksim-Platz in Istanbul (Bildquelle: dpa)
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Wie hier auf dem Taksim-Platz in Istanbul beteiligten sich Tausende Menschen an dem stummen Protest.

Am Dienstagabend machten es ihm Tausende überall in der Türkei nach. Ab Punkt 20 Uhr blieben sie einfach auf der Stelle stehen, verharrten und sagten nichts. Schweigender Protest gegen Ministerpräsident Erdogan und seine islamisch-konservative Partei AKP. Manche standen sehr lange, andere bewegten sich nach fünf Minuten.

Ziviler Widerstand gegen die AKP

"Das ist ziviler Widerstand gegen das, was die AKP in zehn Jahren mit diesem Land gemacht hat. Dagegen, dass sie die Gesellschaft gespalten und die verschiedenen Gruppen zu Feinden gemacht hat und nur für ihre eigenen Leute sorgt", sagt ein Mann. Und ein Frau ergänzt: "Ich stehe hier für Menschenrechte, Demokratie, Freiheit und Frauenrechte. Wir werden sehen, ob diese Art von Protest etwas bringt. Ich mache so etwas das erste Mal mit."

Schweigender Protest gegen Erdogan
T. Bormann, ARD Istanbul
19.06.2013 01:38 Uhr

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Polizisten betrachteten den stummen Protest auf dem Taksim-Platz misstrauisch, schritten aber nicht ein. In der Nacht zuvor hatten sie noch einige der Schweigenden für ein paar Stunden mit auf die Wache genommen.

Festgenommen wurden gestern auch etwa 100 Mitglieder einer linksradikalen Partei. Sie sollen die Demonstrationen der vergangenen Tage mit organisiert und gewalttätig gewesen sein. Ministerpräsident Erdogan will alle Organisatoren der Proteste vor Gericht stellen. Er feierte die Räumung des Gezi-Parks als "Sieg der Demokratie".

Erdogan sieht "Verschwörung"

"Die Regierung hat eine Verschwörung aufgedeckt, die von Verrätern und ausländischen Komplizen gegen die Türkei geschmiedet worden war", so Erdogan weiter. Nun aber sei damit Schluss. Erdogan bezeichnet die Proteste tatsächlich als Verschwörung gegen die Türkei unter ausländischer Beteiligung - und nimmt die Forderungen der Demonstranten nach Achtung der Menschenrechte, nach mehr individuellen Freiheiten nicht zur Kenntnis.

Erdogan ignoriert die Warnung, die türkische Gesellschaft sei immer mehr gespalten. Er warnt nur, man werde die Schuldigen bestrafen, damit sie für den Schaden aufkommen: "Nach ersten Ermittlungen beträgt der Sachschaden, den diese Besetzer angerichtet haben, 100 Millionen Türkische Lira."

Stiller Protest gegen Erdogan
tagesthemen 22:15 Uhr, 18.06.2013, Hilde Stadler, ARD Istanbul

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Sein Parteifreund, Staatspräsident Abdullah Gül, fand deutlich andere Worte. Gül ist offenbar klar, dass es da auch einen anderen Schaden in der Türkei gibt, der nicht in Lira oder Euro zu messen ist: "Unsere Gesellschaft muss sofort wieder zusammenfinden. Wir haben daran gearbeitet, europäische Rechtsstandards zu erreichen. Wir dürfen nicht zurückfallen. Die Reformen müssen weitergehen".

Stand: 19.06.2013 01:41 Uhr

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