Türkei: Bittere Bilanz nach neuer Gewalt

Demonstranten werden von Polizisten abgeführt (Bildquelle: dpa)

Proteste in der Türkei

Bittere Bilanz nach neuer Gewalt

Nach der Eskalation der vergangenen Nacht ist der Istanbuler Taksim-Platz wieder geöffnet. Die Demonstranten gehen aber weiter gegen den türkischen Regierungschef Erdogan auf die Straße, doch der Generalstreik droht zu verpuffen.

Von Gunnar Köhne, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Der Taksim-Platz ist seit heute Morgen wieder für Fußgänger geöffnet. Im angrenzenden Gezi-Park wurden in aller Eile zusätzliche Lindenbäume gepflanzt und Blumenbeete angelegt. Anti-Regierungsparolen wurden übermalt. Die Istanbuler Behörden sind sichtbar bemüht, nach einem gewaltsamen Wochenende wieder Normalität herzustellen.

Aktuelle Lage in der Türkei
Gunnar Köhne, ARD Istanbul
17.06.2013 13:03 Uhr

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Rund 400 Festnahmen

Die Bilanz der Regierungsgegner ist dagegen bitter: Die türkische Anwaltskammer spricht von knapp 400 Festnahmen. Darunter, das zeigen im Internet veröffentlichte Fotos, waren auch einzelne Ärzte und Sanitäter, die den Verletzten zu Hilfe gekommen waren.

Hunderte Menschen wurden während der gewaltsamen Evakuierung des Gezi-Parks und den anschließenden Zusammenstößen verletzt. Dabei, so gab der Gouverneur von Istanbul zu, sei den Wasserwerfern der Polizei ein Reizstoff beigemischt worden, der zu schweren Hautreizungen führt.

Türkische Polizei geht weiterhin hart gegen Demonstranten vor
tagesschau 12:00 Uhr, 17.06.2013, Jens Eberl, ARD Istanbul

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Erdogan kritisiert ausländische Medien

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte gestern Abend vor seinen Anhängern in Istanbul in wütendem Ton ausländische Medien beschuldigt, unwahr über die Ereignisse in seinem Land zu berichten. Namentlich BBC, CNN und Reuters würden über die tatsächliche Unterstützung für seinen Kurs schweigen. Auch soziale Medien wie Facebook und Twitter, über die die Proteste im ganzen Land wesentlich gesteuert wurden, sind ins Visier der Regierung geraten.

Innenminister Muammar Güler kündigte an, Nutzer müssten mit strafrechtlichen Folgen rechnen: "Hinsichtlich der sozialen Medien führt die Polizei nun eine Untersuchung durch. Diese Untersuchung bezieht sich auf solche Facebook- oder Twitter-Nutzer, die Volksverhetzung betrieben oder versucht haben, die Bürger durch manipulierte Nachrichten und Falschmeldungen zu Straftaten anzustiften", sagte Güler.

Während sich die Lage in Istanbul weitgehend beruhigt hat, kam es in der westtürkischen Stadt Eskisehir am Morgen erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Mehrere Gewerkschaftsverbände hatten für heute zu einem landesweiten Streik aufgerufen. Allerdings scheint dieser Aufruf nur teilweise befolgt worden zu sein. In Ankara haben sich die Gewerkschafter zu einer Protestkundgebung zusammengefunden.

AKP-Anhänger greifen Demonstranten an

Während der nächtlichen Auseinandersetzung zwischen Regierungsgegnern und der Polizei in Istanbul griffen offenbar auch Anhänger der Regierungspartei AKP ein. Auf Videos sind mit Stöcken und Messern bewaffnete Jugendliche zu sehen, die Erdogans Namen und "Allah ist groß" skandieren.

Auf einem Film ist zu sehen, wie die Gruppe von Polizisten begleitet wird, ohne dass diese einschreiten. Demonstranten berichten, von AKP-Anhängern angegriffen worden zu sein. Im Istanbuler Stadtteil Sisli wurde das örtliche Parteibüro der oppositionellen Partei CHP attackiert und beschädigt.

Stand: 17.06.2013 13:28 Uhr

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