Zeitungsständer mit türkischen Zeitungen | Bildquelle: dpa

Pressespiegel zur Türkei-Wahl "November-Revolution" oder "Chaos-Plan"?

Stand: 02.11.2015 11:10 Uhr

Jubel hier, Entsetzen dort: Während die regierungsnahen Medien die "November-Revolution" feiern, sind oppositionelle Zeitungen kritischer: "Der Sultan festigt seinen Thron". In den sozialen Medien werden die Menschen noch drastischer.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Die regierungsnahen Zeitungen sind zum Teil regelrecht aus dem Häuschen. "Haber-Türk" jubelt: "Der Sieg des Hodschas", und zitiert Regierungschef Ahmet Davutoglu mit den Worten: "Wir kommen, um Liebe zu säen." Die Gazette "Sözcü" stellt zufrieden fest: "Der Terror hat zugenommen, die Wirtschaftskrise ist gewachsen, aber Erdogan hat seine Stimmen vermehrt."

"Ihn zu stürzen, das wird Euch nicht gelingen!"

"Yeni Şafak" spricht von einem glorreichen und prächtigen Sieg, die Zeitung "Akşam" von der "November-Revolution" und Engin Ardıç vom AKP-nahen Blatt "Sabah" frohlockt: "Ihn zu stürzen, das wird Euch nicht gelingen! Viele Idioten träumten davon, am Montag in einer Türkei ohne Tayyip zu erwachen."

Dann legt er mit Blick auf ausländische Presseverteter nach: "Während des Wahlkampfs geschahen unglaubliche Dinge. Ausländische Medien beschimpften Erdogan als Diktator. Das britische Magazin 'Economist' hat sogar dazu aufzurufen, nicht die AKP zu wählen. Was würde der BND wohl machen, wenn wir dazu aufrufen würden, nicht für Frau Merkel zu stimmen?", fragt der Kommentator.

Ein Mann küsst eine Zeitung mit einem Bild von Erdogan | Bildquelle: AP
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Freude bei den AKP-Anhängern nach dem Wahlsieg: Ein Mann küsst eine Zeitung mit einem Bild von Erdogan.

"Der Sultan festigt seinen Thron im Palast"

Die oppositionelle Zeitung "Cumhuriyet" spricht von einem "Sieg der Angst" und stellt fest: "Selbstmordanschläge, Märtyrer, Drohung mit ungeklärten Morden, Sorge um die Wirtschaft. Für die AKP hat sich Erdogans Neuwahl-Taktik gelohnt." Die Zeitung "Taraf" konstatiert: "Der Chaos-Plan ist aufgefangen."

Hassan Cemal stellt im Nachrichtenportal "T24" fest: "Das Erdogan-Problem bleibt bestehen. Der Sultan festigt seinen Thron im Palast. Friede und Stabilität bleiben weit entfernte Ziele. Erdogan und die PKK haben der AKP zu einem großen Wahlsieg verholfen. Der Kampf um Frieden und Demokratie muss aber weiter gehen."

"Die Zeit der Alleinregierung hat begonnen"

Die Reaktionen in den sozialen Medien spiegeln die ausgeprägte Polarisierung der türkischen Gesellschaft wider. "Nurgül" schreibt auf Twitter: "Gott hat unsere Gebete erhört - die Zeit der Alleinregierung hat begonnen." Der Nutzer "Melih-Bahar" hält dagegen: Mit diesem Wahlergebnis ist für uns jeder Tag Halloween - ein Gruseltag. "Dindar Demirci" ist auf Twitter überzeugt: "Die TR hat sich für Stabilität entschieden."

Facebook-Nutzer "Meral" klagt: "Ich möchte auf einem Schlauchboot flüchten. Jetzt können sie wieder unbeobachtet stehlen." Die Nutzerin "Büşra" stellt auf Twitter einen Vergleich an: Die Türkei sei wie eine Frau, die dreimal am Tag geschlagen werde und trotzdem rufe: "Mein lieber Mann".

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