Ermittlungen in der Türkei "Terrorpropaganda" - Moderator unter Verdacht

Stand: 11.01.2016 22:45 Uhr

Nicht nur in den Kurdengebieten kämpft die türkische Regierung gegen die PKK, sondern auch in den Medien: Gegen einen TV-Moderator wird jetzt wegen "Terrorpropaganda" ermittelt - weil eine Anruferin in seiner Sendung den Einsatz gegen die Kurden kritisierte.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD Istanbul

Beyazit Öztürk | Bildquelle: picture-alliance / dpa/dpaweb
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"Ich wollte immer nur Zuschauer zum Lachen bringen und kein Werkzeug der Politik sein", sagte Öztürk in seiner Entschuldigung.

"Mein Hirn hat aufgehört zu arbeiten." Das ist das Fazit des türkischen Starmoderators Beyazit Öztürk und Teil einer öffentlichen Entschuldigung für Äußerungen in seiner Fernseh-Show am vergangenen Freitag. Was war geschehen?

Ein Rückblick: Öztürk spricht mit seinen Gästen über Boulevardthemen und die Sorgen von Stars und Sternchen. Dann ruft eine Frau in der Sendung an, stellt sich als Ayse Celik, von Beruf Lehrerin, vor und beschwert sich: "Wissen Sie, was im Südosten der Türkei passiert? Hier werden ungeborene Babys, Mütter und Menschen getötet. Sie als Künstler und Mensch sollten zu den Geschehnissen nicht still sein. Auf irgendeine Weise sollten Sie 'Stopp' sagen."

"Was Sie uns gesagt haben, ist uns eine Lehre"

Öztürk reagiert, wie zumindest in Europa die meisten Moderatoren reagiert hätten: Er bedankt sich höflich bei der Anruferin und sagt: "Wir haben so oft wie möglich versucht, Menschen zu dem, was dort stattfindet, anzuhören. Was Sie uns gesagt haben, ist uns eine Lehre. Wir werden weitermachen. Ich hoffe, Ihr Wunsch nach Frieden wird so bald wie möglich Wirklichkeit."

Von Kugeln durchlöchertes Haus in Cizre | Bildquelle: dpa
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Von Kugeln durchlöchertes Haus in Cizre

In der aktuell extrem angespannten Situation im Land ist dies offenbar die falsche Antwort - wie sich nach der Sendung herausstellt. "Regierungsnahe Kreise", so die Tageszeitung "Zaman", beschuldigen kurz darauf Moderator und Sender im Internet, PKK-Propaganda zu verbreiten. Auf Twitter wird Öztürk als Verräter bezeichnet.

Entschuldigung vor laufender Kamera

Das Management des Senders reagiert prompt. Sonntagabend entschuldigt sich Moderator Öztürk für das, was in der Show passiert ist. "Ich habe nicht verstanden, welche Intention sie hatte, als sie unsere Sendung anrief. Ich habe ihr geglaubt, als sie sagte, sie sei Lehrerin, aber das war sie offenbar gar nicht." Damit bezieht er sich auf eine Feststellung des Erziehungsministeriums, dass Ayse Celik keine Lehrerin ist. "Ich wollte immer nur die Zuschauer zum Lachen bringen und kein Werkzeug der Politik sein. Wir stehen an der Seite der Nation und des Staates", so Öztürk.

Sender: Stehen fest an der Seite der Regierung

Der Sender erklärt, Ayse Celik hätte der Redaktion vor Beginn der Show nicht erzählt, wie sie sich am Telefon äußern will. Im Übrigen stehe der Sender seit der Gründung stets an der Seite der Regierung im Kampf gegen den Terrorismus.

Ein ziemliches Hin und Her für eine Unterhaltungsshow, könnte man meinen. Doch offenbar nicht in dem Tag für Tag weiter eskalierenden Konflikt zwischen dem türkischen Staat und der als Terrororganisation eingestuften PKK.

Allein am Wochenende töteten türkische Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben im Osten und Südosten des Landes 32 kurdische Rebellen. In der Provinz Van kam ein Polizist im Einsatz ums Leben und zwei weitere wurden verletzt, so die Nachrichtenagentur Dogan. In der Stadt Diyarbakir wurden nach Angaben von Sicherheitskräften am Wochenende ein Soldat und ein Polizist getötet.

Davutoglu: Keine Deadline für Kämpfe

Die blutige Bilanz laut Armee: Seit Beginn der derzeitigen Offensive, die im Dezember startete, 448 getötete PKK-Anhänger. Menschenrechtsgruppen sprechen von 160 toten Zivilisten. Und das dürfte noch nicht das Ende sein. Der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu erklärte am Sonntag auf einem Kongress der alleinregierenden AKP, dass es keine Deadline für die Militäroperationen in Südostanatolien gebe.

Demonstration in Ankara für die Rechte von Journalisten | Bildquelle: AFP
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In Ankara demonstrierten am Wochenende Journalisten für Meinungsfreiheit und die Freilassung der "Cumhürriyet"-Journalisten Can Dündar and Erdem Gül.

Ermittlungen wegen "Terrorpropaganda"

Dabei findet der Kampf zwischen Staat und PKK eben nicht nur im Südosten, sondern auch in den Medien statt. Zahlreichen regierungskritischen Journalisten wurden in den vergangenen Monaten und Jahren die Unterstützung von Terroraktivitäten vorgeworfen. Immer wieder kam es zu Inhaftierungen. Moderator Öztürk droht das nun auch. Die Staatsanwaltschaft hat wegen des Verdachts "terroristischer Propaganda" Ermittlungen gegen Öztürk, den Produzenten seiner Show und gegen Ayse Celik eingeleitet.

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