Zerstörter Straßenzug in Silopi im Südosten der Türkei | Bildquelle: AFP

Kämpfe im Südosten der Türkei Zerstörungen wie in Syrien

Stand: 21.01.2016 11:43 Uhr

Die Wucht der Kämpfe im Südosten der Türkei erinnert Beobachter an den Krieg in Syrien - manch umkämpfter Ort sei inzwischen ähnlich zerstört. Hilfsorganisationen kritisieren das Vorgehen der türkische Armee und der PKK, die selbst in Stadtzentren kämpfen.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul

Noch immer harren Tausende Einwohner der südtürkischen Stadt Cizre in ihren Kellern aus. Sie haben nur noch trockenes, altes Brot; sie sammeln Regenwasser in Plastikflaschen, denn sie können nicht raus auf die Straße und Trinkwasser holen. Denn dort in den Wohnstraßen patrouillieren Panzer der türkischen Armee und schießen auf PKK-Kämpfer, die sich in Wohnungen verschanzen.

So geht das schon seit fünf Wochen in Cizre, jeden Tag und jede Nacht. Vor ein paar Tagen lag ein 16-jähriger Jugendlicher schwer verletzt auf der Straße. Er hatte eine Schusswunde, aber niemand half ihm, er verblutete. Die Familie hatte verzweifelt nach einem Krankenwagen gerufen, aber es kam keiner.

Das ist leider kein Einzelfall, sagt Emma Sinclair-Webb von der Hilfsorganistaion "Human Rights Watch". Die Polizei verhindere immer wieder, dass Krankenwagen verwundete Menschen bergen.

Mann vor zerstörtem Haus in Silopi im Südosten der Türkei | Bildquelle: AP
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Verteibung durch Zerstörung: Ein Weiterleben in diesem Haus in Silopi ist unmöglich.

Ein Kampf auf dem Rücken der Bürger

Sinclair-Webb hat mit vielen Bürgern in den abgeriegelten Orten gesprochen und etliche Todesfälle untersucht. Neben all den Kämpfern und Soldaten sind auch etwa 200 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter auch kleine Kinder. Es sei ein Kampf auf dem Rücken unschuldiger Bürger, sagt sie. Sowohl die staatlichen Organe wie Armee und Polizei als auch die PKK-nahen Gruppen, beide bedrohten die Sicherheit der dort lebenden Bürger, wenn sie im Stadtzentrum kämpfen.

Die Wut der Bewohner richtet sich weniger gegen die PKK als vielmehr gegen den Staat, der hier die Bevölkerung in Kollektivhaft nehme, berichten Journalisten, die die umkämpften Städte besuchen konnten. Und auch Sinclair-Webb sieht den türkischen Staat in der Verantwortung. Man könne das Problem auch anders lösen, als Stadtzentren mit Panzergranaten zu beschießen, sagt sie. Mit diesem harten Vorgehen aber werde das letzte Vertrauen verspielt, das kurdische Bürger noch in den türkischen Staat hatten.

Mehr als hunderttausend Einwohner der umkämpften Städte im Südosten der Türkei sind bereits zu Verwandten in die Umgebung oder in größere Städte wie Istanbul geflüchtet, manche wollen die Türkei verlassen und ins Ausland fliehen. Viele werden nach Deutschland kommen, warnen kurdische Oppositionspolitiker.

Kämpfe in der Südost-Türkei: Die Leiden der Zivilbevölkerung
T. Bormann, ARD Istanbul
21.01.2016 11:14 Uhr

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Erinnerungen an die 1990er-Jahre

Der Bürgerkrieg der 1990er-Jahre sei zurück, meint Emma Sinclair-Webb von Human Rights Watch. "Das erinnert sehr an die Zeit vor zwanzig Jahren, als die Bewohner aus ihren Dörfern vertrieben wurden. Jetzt werden sie aus den Städten vertrieben."

Manche Stadtzentren wie zum Beispiel in Cizre sehen inzwischen eher aus wie Städte in Syrien als Städte in der Türkei. Sinclair-Webb fordert, die Armee müsse die Ausgangssperren sofort beenden, damit die eingeschlossenen Bürger wieder an Trinkwasser, an Nahrung, an ärztliche Hilfe kommen; und: die Konfliktparteien müssten sofort die Waffen niederlegen und zurück an den Verhandlungstisch.

Die türkische Regierung aber setze derzeit voll auf eine militärische Lösung, beklagt Sinclair-Webb. Sie hofft, dass Kanzlerin Angela Merkel ihre Ankündigung wahrmacht, dass Merkel also ihren türkischen Amtskollegen Ahmet Davutoglu ermahnt, den Konflikt im Südosten der Türkei friedlich zu lösen.

Dieser Beitrag lief am 21. Januar 2016 um 13:12 Uhr bei Inforadio.

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