Eine TV-Kamera von Journalisten steht vor einem Gericht in Istanbul. | Bildquelle: dpa

Türkische Journalisten im Exil Kritik an Erdogan - aus dem Exil

Stand: 01.12.2017 03:09 Uhr

Sie sollten eigentlich in Ankara oder Istanbul sein, sind aber irgendwo in Griechenland: Für viele türkische Journalisten ist das Nachbarland zum Exil geworden. Aus Angst vor Verhaftungen berichten sie von dort kritisch über die Erdogan-Regierung.

Eine Reportage von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Es sind viele junge Journalisten aus der Türkei gekommen, aber auch einige ältere mit langer Berufserfahrung. Sie treffen sich an diesem Tag in einem Hotel irgendwo in Griechenland. Griechenland ist ihre neue Heimat auf Zeit.

Zuhause in Istanbul, Ankara oder einer anderen türkischen Stadt sei ihr Beruf extrem gefährlich geworden, sagt eine junge Online-Journalistin, deren Namen nicht veröffentlicht werden soll:

"Wenn Du am falschen Platz zur falschen Zeit bist, und nichts Verbotenes machst, kannst Du trotzdem unter das Radar kommen. Gerade Fotografen in der Türkei ist das oft passiert in letzter Zeit. Kollegen von uns haben Bilder von einer Demonstration gemacht und wurden dann festgenommen. Und nur wenige sind wieder frei gekommen. 153 Journalisten hocken im Knast - und jeder hat seine eigene Geschichte."

WhatsApp-Gruppe reicht für Terror-Verdacht

Die junge türkische Journalistin im griechischen Exil erfährt auf dem Treffen mit anderen Kollegen, wie eine WhatsApp-Gruppe in Istanbul in den Verdacht geriet, Unterstützer für die  in der Türkei unter Terrorverdacht stehende Gülen-Bewegung zu sein. "We are going to be free" war der Name der Plattform zum Meinungsaustausch von unabhängigen Journalisten. Die türkischen Sonderermittler dachten plötzlich, sie betreibe Terror gegen den Staat.

"Erst haben wir gedacht, die Säuberungswelle trifft uns nicht"

Mutig und mit sehr wachem Gesicht erzählt die junge Türkin von ihrer eigenen Geschichte, als sie plötzlich gespürt hat, dass ihre unabhängigen Berichte, ihre regierungskritische Sicht für sie gefährlich werden könnten. "Nach dem Putschversuch letztes Jahr haben wir erst gedacht, die Säuberungswelle trifft uns nicht. Aber dann kam es anders." Gerade Journalisten, die auch über kurdische Themen berichten oder die als besonders links gelten, seien ins Visier geraten.

Sie selbst hofft, mit ihrem Kind nur vorübergehend in Griechenland leben zu müssen. Und sie schaut ernst, als sie sich selbst vorrechnet, dass der Aufstieg des scheinbar allmächtigen türkischen Präsidenten nun schon viele lange Monate immer steiler verlaufen ist.

Einfach objektiv berichten

Der türkische Präsident Erdogan - hier auf eine einer Veranstaltung in Istanbul (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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Erdogan habe inzwischen echte "Führer-Qualitäten", sagt ein Journalist.

Werden die Zeiten also noch lange dramatisch schlecht bleiben in der Türkei für unabhängigen, kritischen Journalismus? Kann sein, sagt die junge Türkin. Sie habe schon gute Freundschaften in Griechenland geschlossen - und das, was ihr am wichtigsten sei, könne sie momentan eben nur außerhalb ihrer Heimat tun: einfach objektiv berichten. "Kritisch zu sein ist für uns kein Selbstzweck - aber wenn du schon als unerlaubt kritisch giltst, nur weil du über die Tatsachen berichtest, die bei dir vor Ort passieren, dann macht das keinen Sinn."

Ein älterer Kollege der jungen Frau - auch er ein aus der Türkei geflohener, bekannter Journalist - hatte ein paar Minuten zuvor über Präsident Recep Tayyip Erdogan gesprochen: Es fielen Sätze wie: "Er wird nie zulassen, dass er nicht mehr gewählt wird". Und: Erdogan habe inzwischen echte "Führer-Qualitäten". Extrem harte Worte eines extrem enttäuschten türkischen Journalisten.

Die junge Online-Journalistin sagt uns zum Ende des Gesprächs, dass sie manches optimistischer sieht, als ihr Kollege. Dinge - auch wenn sie noch so schwierig sind - könnten sich ändern.

Angst vor Verhaftung - Türkische Journalisten berichten aus Griechenland
Michael Lehmann, ARD Athen
30.11.2017 23:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Dezember 2017 um 05:40 Uhr.

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